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Bericht Zum Thema Weihnachten · Der Esel im Neuen Testament
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 196.02 der Pferdezeitung vom 29.12.02
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Copyright wie angegeben
 Bartolome Esteban Murillo
Flucht nach Ägypten, 1647-50, 200x170 cm, Detroit Institute of Arts
Nach der Geburt erscheint Josef ein Engel im Traum und gebietet ihm, nach Ägypten zu reisen, weil Herodes alle Kinder töten will, die jünger als zwei Jahre sind. Nachdem Herodes gestorben ist, erscheint der Engel erneut im Traum und gebietet Josef, wieder nach Hause zurückzukehren.

Beide Reisen werden gern illustriert, vor allem die Flucht, und stets wird ein Esel prominent ins Bild gesetzt (siehe auch Galeriebeitrag  Damensitz). Das sind ebenfalls Erfindungen späterer Zeit, die heute mit der Geschichte untrennbar verbunden sind.

Im Neuen Testament kommt überhaupt nur an einer einzigen Stelle ein Esel vor: Jesus reitet bei seinem Einzug in Jerusalem auf einer Eselin, die von ihrem Fohlen begleitet wird (Matthäus 21, 1-7); die beiden werden pikanterweise für diesen Zweck "ausgeliehen", ohne beim Besitzer zu fragen.

Diese Einzelheit wird ausführlich vorgetragen, weil damit einer Prophezeiung des Propheten Sacharja Rechnung getragen wird (9, 9). Außerdem wird Israels letzter Erlöser damit in Beziehung gesetzt zur Israels erstem Erlöser Mose, der seine Frau und Söhne auf einem Esel reiten ließ (2. Mose 4, 20).

Wenn man sich das einmal vorstellt: so kann kein König in seine Hauptstadt einreiten; der sollte doch ein Pferd haben, wenn er sein Volk erretten will. Damit ist natürlich ein Pferd gemeint, das herrschaftliche Ansprüche symbolisieren kann, nicht etwa ein Ackergaul, wie er von Astrid Lindgren anstelle des Esels zur Illustration der Weihnachtsgeschichte herangezogen worden ist. Diese Szene ist denn auch sehr selten, wenn überhaupt, illustriert worden; auf Anhieb fällt mir nichts dazu ein.

Das Wort Prophet ist griechischen Ursprungs; in der Bibel selbst werden mit dem entsprechenden Begriff Männer bezeichnet, die direkt mit Gott kommunizieren, die auch mit ihm streiten und rechten, die vor allen Dingen aber das Volk aufrütteln, sich auf das Wesentliche des Lebens zu besinnen und nicht Äußerlichkeiten nachzujagen.

Dieselbe Sorge gilt den Herrschenden: die Propheten haben sich konsequenterweise politisch engagiert. Sie waren also alles Mögliche, aber keineswegs Propheten in dem Sinne, daß sie die Zukunft vorausgesagt hätten. Sie haben zwar drohendes Unheil an die Wand gemalt, wenn Volk und Regierung sich nicht ändern würden, gleichzeitig aber immer auch die gute Wendung verkündet, wenn jedermann gottgefällig leben würde.

Prophetisch im Sinne der griechischen Zukunftsschau waren sie nie (jedenfalls laut Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt?). So aber werden sie im Neuen Testament benutzt, um nämlich Jesus zu kennzeichnen, der angeblich derjenige ist, auf den schon immer verwiesen wurde. Ein paar Beispiele in dieser Richtung haben wir jetzt kennengelernt.

Die Juden konnten ihn als ihren König schon deshalb nicht erkennen, weil sie an einen politischen Führer gedacht haben. Jesus aber hatte mit Politik überhaupt nichts am Hut. Sein Reich war nicht von dieser Welt, wie er deutlich betont hat. Insofern macht die Sache mit dem Reittier wieder Sinn: der Esel hat hier erneut seinen Platz als Symbol.

Jesus hat sich immer positiv auf das Alte Testament bezogen: das war seinen Zuhörern gut bekannt und er selbst war in diesem Sinne Prophet, daß er immer wieder gottgefälliges Leben gepredigt hat mit Bezug auf die alten Lehren. In die Tagespolitik hat er sich aber nicht einmischen wollen.

Ob der historische Jesus sich selbst in Bezug auf die angeblichen Prophezeiungen der Propheten des Alten Testaments gesehen hat, weiß man natürlich nicht; auf jeden Fall stellen die Evangelien es immer wieder so dar und legen Jesus auch die entsprechenden Worte in den Mund. Wenn es sich also um eine nachträgliche Geschichtsklitterung gehandelt hat, unternommen von den Evangelisten, um die Legitimität zu unterstreichen, so wäre die einzige Eselszene im Neuen Testament ebenfalls zweifelhaft.

Auf jeden Fall können wir schließen, daß Esel im täglichen Leben von Jesus und seinen Jüngern keine Rolle gespielt haben, im Gegensatz etwa zum Wein und Brot oder auch zu den Schiffen der Fischer. Vermutlich waren Esel gar nicht so zahlreich und keineswegs Gemeingut. Zumindest die Leute, mit denen Jesus umgegangen ist, werden keine Esel gehabt haben. Man wird daher schießen können, daß seine Eltern auch keinen Esel gehabt haben.


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Es ist jetzt der 12.10.2008, 23:13, GMT +01:00
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