
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Ein Glas Wasser Von › Werner Popken
In der heutigen Ausgabe habe ich passend zum Hauptartikel das Buch Bogenschießen vom Pferd besprochen. Schon aus den Fotos des Hauptartikels wird klar, daß diese Steppenreiter phantastisch reiten können müssen. Wie kriegen die das hin? Mit und ohne Sattel!
Können wir etwas von Kassai lernen, auch wenn wir nicht Bogenschießen wollen?
In der Buchbesprechung habe ich schon betont, daß Kassai ganz langsam vorgeht, Schritt für Schritt, und weder Mensch noch Tier überfordert. Auf gar keinen Fall dürfen die Pferde überfordert werden, beim ersten Anzeichen weicht er zurück und setzt wieder da an, wo die Sache noch leicht und einfach ist. Seite 32:
| | Wenn unser Pferd am Anfang der Bahn in Linksgalopp geht und die Bahn gleichmäßig durchgaloppiert, bis es von alleine zum Stehen kommt, dann haben wir gute Arbeit geleistet. Danach können wir die Zügel vergessen und nur noch dann aufnehmen, wenn wir sie wirklich brauchen. Übe das freihändige Reiten so häufig wie nur möglich. Unser Fortschritt sollte kontinuierlich sein, Schritt für Schritt. Wenn etwas schwierig erscheint, sollten wir mehr Zeit darauf verwenden. Eile und Inkonsequenz werden nur zu schweren Fehlern führen. | | |
Auf der nächsten Seite ein weiterer Tipp, der mir gut gefallen hat, weil er den Reiter und das Pferd berücksichtigt:
| | Benutze dein Vorstellungsvermögen, um dir Übungen auszudenken. Solange du die Regel des langsamen Aufbaus beachtest, kannst du dem Pferd beibringen, unter allen Umständen ruhig zu bleiben. Du wirst sehen, daß dein Pferd in der Lage ist, viele verschiedene Haltungen anzunehmen. Einige Pferde brauchen nur eine einzige Woche Vorbereitung, bis wir alles mögliche mit ihnen anstellen können, sogar Holzhacken auf ihrem Rücken. Andere brauchen Monate, und selbst dann noch gibt es Übungen, die sie sich weigern zu tun. Nicht alle Pferde können für das berittene Bogenschießen ausgebildet werden, und wir müssen diese Möglichkeit in Betracht ziehen, wenn wir eines kaufen. | | |
Wie das Ausdenken von Übungen aussehen kann, beschreibt er auf Seite 38:
| Im berittenen Bogenschießen muß die Reittechnik bis zu dem Punkt entwickelt werden, daß der Oberkörper völlig unabhängig wird vom Unterkörper, der wiederum sich perfekt den Bewegungen des Pferdes anpassen muß. Sobald ich das Reiten ohne Sattel gemeistert hatte, begann ich mit verschiedenen Übungen: Da ich Rechtshänder bin, also meinen Bogen in der Linken halte, konzentrierte ich mich auf meine linke Schulter. Ich stellte mir den unsichtbaren Weg vor, den meine Schulter durch die Luft beschrieb, und versuchte, daraus eine gerade Linie zu machen. Oder ich hielt ein Glas Wasser in meiner ausgestreckten linken Hand und versuchte, keinen Tropfen zu verschütten. Am schwierigsten sind diese Übungen im Trab, also übte ich vor allem im Trab. Die beste Art und Weise, Routine beim Reiten zu erwerben, ist, im Gelände zu reiten. Wir müssen die Fähigkeiten unseres Pferdes einschätzen können, auch nach Regen und auf glitschigen, schlammigen Untergründen. Wir müssen beobachten, wie es steile Hänge von vereisten, verschneiten Straßen im Winter hinaufsteigt und hinabsteigt. Wie verhält es sich bei plötzlichen Richtungsänderungen, oder wenn wir anhalten? Wie gut können wir zusammenarbeiten, während wir die ganze Zeit Rhythmus und Gleichgewicht beibehalten? | | |
Wenn die Steppenreiter in Aktion sind, scheint das Pferd keine Rolle mehr zu spielen, nur Mittel zum Zweck zu sein. Das täuscht. Das Pferd ist genauso wichtig wie ein Fuß oder eine Hand: im Idealfall funktionieren sie einfach perfekt, wir müssen nicht über sie nachdenken, sie arbeiten harmonisch im Gesamtsystem mit. Kassai bringt als Bild für diesen Zustand die mythische Figur des Zentauren, des Wesens, das halb Mensch, halb Pferd ist. Diese Harmonie, dieses "Verwachsen" des Menschen mit dem Pferd ist das Ziel der Steppenreiterei. Das Überleben des Kriegers hing davon ab, wie gut er mit seinem Pferd harmonierte.
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