Gangster
Wendy Promotions Ltd., Comicroman Im Reich der Träume, Ausschnitt Comicroman Nr. 44/97, EHAPA Verlag GmbH
In der letzten Ausgabe habe ich mich über einige Ungereimtheiten gewundert, z. B. über die blaue Vegetation. Je genauer ich hinschaue, desto mehr fällt mir auf.
Bei diesem Bild z. B. hat das Fohlen einen enormen Schlagschatten, der darauf hindeutet, daß die Sonne sehr hoch steht und sehr kräftig scheint. Die beiden Menschen haben aber überhaupt keinen Schatten.
Ist das eine Nachlässigkeit, oder ist das Absicht? Wenn das Absicht ist - welche könnte das sein?
Man sieht übrigens an diesem Bild, daß auch die Darstellung des Fohlens zu wünschen übrigläßt: die Beine sind viel zu kurz. Für die Zwecke des Comic ist das aber vermutlich alles unerheblich: der Leser kauft die Geschichte ab, wenn nur das Vergnügen groß genug ist, und das ergibt sich unter anderem aus ästhetischen Gründen.
Denn schließlich sieht Mickey Mouse auch nicht wie eine Maus aus und trotzdem haben die Leute seit Jahrzehnten Vergnügen an dieser Figur. Sie ist eben künstlerisch überzeugend.
Wendy ist eines der großen Pferdemagazine für jugendliche Mädchen. Im Unterschied zu den anderen Blättern, die monatlich oder sogar noch seltener erscheinen, gibt es diese Hefte zweimal im Monat. Deren Auflage ist typischerweise dreimal so hoch wie bei etablierten Blättern für Erwachsene. Dieser Markt ist also lukrativ und ergiebig.
Kommentar Von Werner Stürenburg
In der letzten Woche hatte ich Gelegenheit, meinen Töchter den ersten Beitrag über die Wendy-Einhörner zu zeigen - beide konnten sich an die Geschichte erinnern, sie hatte ihnen nicht gefallen. Die Sache war zu abstrus, zu weit hergeholt.
Überhaupt hatten ihnen die Comics nicht so gut gefallen, wie ich angenommen hatte. So erwähnten sie zum Beispiel die Betonung der übersinnlichen Fähigkeiten von Wendy, die gebraucht wurden, um Geschichten dramatisch zu bewältigen.
Das ist wohl ein Problem: wie kann ich alle 14 Tage eine spannende Geschichte aus dem Leben von Wendy bringen, die glaubwürdig ist und trotzdem ungewöhnlich genug, daß man sie erzählen kann? Wer kann aus seinem eigenen Leben alle 14 Tage eine neue Geschichte erzählen, die andere Leute hören wollen?
Es kam also wohl darauf an, den einmal eingeschlagenen Weg konsequent durchzuhalten: eine realistische Figur zu erfinden, die zur Identifikation taugt. Sobald eine Geschichte unglaubwürdig oder unrealistisch ist, fällt sie bei den Lesern eventuell durch. Jedenfalls wohl bei meinen Töchtern, die in ihren Rollenspielen stets großen Wert auf Glaubwürdigkeit und Realismus gelegt hatten.
So erinnere ich das auch aus meiner eigenen Kindheit: Rollenspiele mußten realistisch sein, damit sie Spaß machten. Mit anderen Worten: es war nicht möglich, Rollenspiele zu Bereichen zu machen, über die zu wenig bekannt war. Fakten sind also auch für Phantasiespiele wichtig.
So habe ich denn am Ende der letzten Ausgabe die Frage gestellt, wie realistisch denn die Sache mit den Einhörnern in Schleswig-Holstein ist. Die Geschichte wird aber noch viel abenteuerlicher: kaum ist das Fohlen gesund, ist es erneut in höchster Gefahr, weil zwei Gangster auftauchen (natürlich ebenfalls zu Pferd), die seine Eltern umbringen wollen, selbstredend aus reiner Gewinnsucht, da die Einhörner selbstverständlich medizinisch wertvoll sind.
Die durch das Fernsehen geschulten Jugendlichen assoziieren selbstverständlich sofort die illegale Tötung gefährdeter Tiere wegen angeblich wirksamer Substanzen, Verbrechen, die zwar nicht bei uns und nicht für uns begangen werden, für die wir uns aber verantwortlich fühlen und gegen die wir was unternehmen wollen. Wir retten die Welt!
Schon wieder ist guter Rat teuer: was sollen die beiden gegen die bewaffneten Übeltäter ausrichten wollen? Warum drücken die nicht sofort ab? Ist die Situation nicht geradezu günstig? Die beiden Einhörner präsentieren sich optimal.
Wendy macht dem Obergangster naive Vorwürfe, und da passiert das Unerwartete: ein anderes Mädchen erscheint zu Pferde, mit Reitkappe und Stiefeln und Reitjackett perfekt angezogen, auf einem feurigen Apfelschimmel, erkennt die Situation auf einen Blick und entscheidet sich spontan zur aggressiven Attacke auf die Bösewichter.
Kampf dem Bösen
|  |  |  |  | | Gemeinsame Aktion mit Vanessa |  |  |  |
| Die Leserin mag sich schon fragen, wie diese Attacke wohl ausgehen mag, da sieht sie schon, daß die Sache voll aufgeht: die Pferde der Gangster scheuen, den Männern fallen die Waffen aus der Hand, die Pferde tragen sie ins Weite.
Daraus lernt die Leserin, daß die Gangster gar keine Pferdeleute sind, sondern sich der Pferde nur als Mittel bedienen und sich im entscheidenden Augenblick nicht auf die Pferde verlassen können.
So schnell kann es gehen - Loders sammelt schon die Gewehre ein, während Wendy strahlend bemerkt, daß Vanessa es war, die die Situation gerettet hat. Ohne jegliche Häme bedankt sich Wendy bei ihrer unausstehlichen Cousine, die ihrerseits ganz frei und locker bekundet: "Gern geschehen!"
Nanu? Was ist das denn? Wird hier nicht das realistische Prinzip durchbrochen? Oder zumindest das dramaturgische Konzept? Vanessa ist doch immer eklig und macht nur Ärger! Jetzt ist sie Retterin in der Not, von Spannungen zwischen den beiden ist nichts zu spüren.
Mehr noch: die Einhörner, die sich ja nun schnell in Sicherheit bringen müssen, wollen Wendy mitnehmen, Vanessa möchte mit und Wendy akzeptiert ohne wenn und aber. Inzwischen erklärt Vanessa, warum sie überhaupt vorbeikam: sie sollte im Auftrag von Oma Honig holen.
Nun führen die Einhörner die beiden zu ihrem verborgenen Tal. Auf dem Weg dahin tauchen plötzlich riesige Felsen auf, die sogar nicht nach den Findlingen aussehen, die man zuweilen in Schleswig-Holstein findet, und dann treffen sie auf einen großen Fluß.
Vanessa schwimmt zunächst auf dem Rücken ihres Schimmels und dem Hengst hinüber, das Wasser scheint gefährlich und reißend zu sein, dann will Wendy dem Fohlen helfen; sie scheint auf dem Fohlen zu schwimmen - man mag sich fragen, ob das dem Fohlen hilft, aber es bleibt gar keine Zeit zum Überlegen, denn Vanessa macht auf eine Gefahr aufmerksam: ein Baumstamm, glatt abgesägt, schwimmt im Fluß.
Wendy denkt: "Er kommt genau auf uns zu!", Dixie spürt die Gefahr und schwimmt dazwischen: es kommt, was nun passieren muß, Dixie wird schwer getroffen, ist verletzt, kann nicht mehr richtig schwimmen, wird abgetrieben, auf den Wasserfall zu, mächtig, tief, gewaltig, stürzt hinunter und ist hinüber!
Vanessa ist in dieser Sequenz ganz gute Freundin, erspart es Wendy, den Fall genauer zu untersuchen, bringt die schreckliche Tatsache schonend bei und Wendy über den Schock hinweg, indem sie auf die dringenden Aufgaben hinweist.
Der Hengst mischt sich ein, Vanessa versteht, daß es ihm leid tut und daß er will, daß Wendy auf ihm reitet. Vanessa hilft ihr hoch, Wendy nimmt Abschied von Dixie:
Adieu, Dixie! Ich habe dich von Herzen geliebt! Ich werde dich niemals vergessen! | |
Die Schlucht
Bald darauf kommen sie in die großen Berge, wo die Felsen noch viel mächtiger sind, die Mädchen machen sich schon Sorgen, wie sie da wohl hinaufkommen sollen, da tut sich eine phantastische Schlucht auf wie der Übergang über das Rote Meer beim Auszug der Juden aus Ägypten: man kann ganz bequem und eben geradeaus reiten, rechts und links stehen die gewaltigen Felsen.
Nun wird es aber langsam Zeit, daß wieder etwas Dramatisches passiert, was im Comic durch einen kleinen Kasten links oben gelöst wird, in dem steht: "Plötzlich..."
Die Pferde scheuen, weil von oben ein riesiges Netz herunterkommt, und zwar genau auf Monjo und die Stute, die jetzt vollkommen gefangen sind. Obenauf dem Felsen erscheinen "Die verdammten Jäger!"
Na klar, Gangster sind doch nicht so leicht abzuwimmeln! Die machen sich schon auf den Weg, ihre Beute einzusammeln (Waffen haben sie anscheinend keine mehr), die Mädchen versuchen vergeblich, das Netz zu öffnen: also wieder einmal eine höchst dramatische Situation mit der Notwendigkeit, per Gottesmaschine eine Rettung zu produzieren.
Die materialisiert sich auch sofort in Gestalt eines netten jungen Mannes, sitzend auf einem Pferd, welches diesmal ein Falbe ist: "Ich helfe euch!" Wendy, ganz irritiert: "Weiß? Wir sind Sie?"
Tja, lieber Leserin, das wird ja immer bunter und unwahrscheinlicher! Was würden wir hier erfinden wollen, wenn wir die Autoren dieser Geschichte wären? Aber wir machen uns das Leben vermutlich viel zu schwer. Die Situation wird wie folgt gelöst:
"Ich heiße Darren! Ich hörte den Krach und wollte nachsehen, was los ist!" Schon hat der gute Mann ein Messer in der Hand und schneidet das Netz auf, alle springen auf ihre Pferde und rasen los. Der Retter weiß auch wohin, und plötzlich stehen sie vor einem Abgrund; es scheint sich um einen amerikanischen Canyon zu handeln.
Über diesen Abgrund kann man offensichtlich nicht hinwegspringen, aber wieder weiß der junge Mann Rat: es gibt eine Hängebrücke. Sie reiten also dahin und darüber, nur Vanessa hat Probleme, weil Ihr Pferd Tarik sich weigert. Da kommen die Jäger...
Wendy weiß Rat, läuft zu Fuß über die Brücke, bindet ihr Halstuch ab, verbindet Tarik die Augen und führt die beiden über die Hängebrücke, die vermutlich gehörig schwankt, aber für diese Einzelheiten ist überhaupt kein Platz, weil die Geschichte in verschärftem Tempo weitergehen muß.
Die Gangster sind jetzt schon gefährlich nahe, da greift der junge Mann wieder ein und schneidet die Hängebrücke ab. Da sind die aber platt! Und die Leserin erleichtert! In letzter Sekunde wieder einmal gerettet!
Ist nun das Ende der Geschichte erreicht? Natürlich nicht: die Einhörner sind ja noch lange nicht in Sicherheit, nach dem, was wir jetzt erlebt haben, können wir uns noch auf einiges gefaßt machen: auf diese Weise kann man die Geschichte zu einer unendlichen machen.
Wie erreichen es die Autoren, daß das Auf und Ab nicht zur Ermüdung führt? Wie kann diese Geschichte überhaupt zu einem Ende geführt werden?
Nächste Woche mehr...
Quellen
- Wendy, zweiter Teil
- Wendy, erster Teil
- Wendy, Nr. 44, 23. Oktober 1997, Egmont EHAPA Verlag GmbH
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Fotos Wie angegeben unter Berufung auf das Zitatrecht (Fair Use).
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