
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist für den Gabentisch gut geeignet. Die Fotos sind hervorragend, der Druck ausgezeichnet, die Texte informativ und unterhaltsam - der oder die Beschenkte wird viele vergnügte Stunden mit diesem Buch verbringen. Ein solches Geschenk kommt mit Sicherheit gut an.
Bilderbücher geben textmäßig meistens wenig her. Das ist hier anders. Am besten gebe ich Ihnen eine Kostprobe, und zwar einen kompletten Abschnitt. Seite 92 steht unter dem Motto: RIECHEN: ES LIEGT WAS IN DER LUFT...
| Wissen Sie, wie Wasser riecht? Nein? Sie finden, daß frisches, klares, gutes Trinkwasser überhaupt nicht riecht? Sie haben Recht - für uns Menschen riecht Wasser nicht, solange es in Ordnung ist. Für Pferde stellt sich das aber ganz anders dar. Für sie hat Wasser einen Geruch - und offenkundig sogar einen ganz starken, weil sie Wasser auf weite Entfernungen riechen können. SCHON DIE ALTEN GRIECHEN WUSSTEN... Diese besondere Fähigkeit des Pferdes ist Menschen schon vor vielen Jahren aufgefallen. Der griechische Reiteroberst Xenophon schrieb über die langohrigen Verwandten unserer Pferde: "Man sagt, daß sich die Strauße und Trappen in der Wüste deshalb in der Nähe von wilden Eseln aufhalten, weil diese, wie Reisende beobachtet haben, ein ungemein feines Witterungsvermögen für Wasser haben." Beduinen würden nicken, wenn man ihnen das Zitat vorgelesen würde. Sie wissen nämlich, daß ihre Pferde Wasser sogar riechen können, wenn es unter der Oberfläche verborgen ist. Fast jedes einigermaßen intelligente arabische Pferd wird, wenn es Durst hat, in einem trockenen Wadi genau an der richtigen Stelle zu scharren beginnen: da, wo sich auf der Schattenseite ein wenig Grundwasser unter dem Sand gesammelt hat. In der Wüste ist eine solche Fähigkeit natürlich sehr nützlich, manchmal sogar überlebenswichtig. Sie ist aber auch in der Steppen nicht zu verachten - und hat sich vermutlich darum bei den Pferden so gut entwickelt. Wer nämlich Wasser riechen kann, ist in der Trockenzeit im Vorteil: Er läuft nicht Gefahr, einen langen, kräftezehrenden Anmarsch zu einem Wasserloch hinter sich gebracht zu haben, nur um dann festzustellen, daß die Quelle dort ausgetrocknet ist. Er merkt es schon sehr viel früher - und mehr als das: Er kann seinen Wanderungen ausdehnen, weil er nicht darauf angewiesen ist, über die Wasserstellen Bescheid zu wissen, sondern davon ausgehen kann, daß er dank seines Geruchssinnes immer eine finden wird. Pferde sind aber nicht nur in Sachen Wasser absolute Supernasen. Sie setzen Düfte auch zur Kommunikation untereinander ein und haben darum im Laufe der Jahrtausende einen sehr differenzierten Geruchssinn entwickelt. Verantwortlich für ihn ist natürlich zuerst einmal die Nase und ihre Ausstattung mit Riechzellen. Das Pferd ist dabei gut weggekommen: In seinen großen Nüstern hat viel Schleimhaut Platz, die mit einer ganzen Menge höchst empfindlicher Riechfäden besetzt ist. Dazu kommt dann noch, daß sich am Boden seiner Nasehöhle das sogenannte Jacobsonsche Organ befindet, ein kleines Knorpelrohr, das - so vermuten jedenfalls Hippologen - dazu dient, Düfte festzuhalten, um sie noch genauer analysieren zu können. EINE NASE VOLL Und damit nicht genug: Wenn Pferd über etwas den Geruchssinn Betreffendes ganz genau Bescheid wissen will, dann nimmt es den Duft auf, klappt die Oberlippe über die Nüstern und macht sie damit für einen Moment dicht - gerade lange genug, sich den Geruch richtig "reinzuziehen" und ihn in seine Einzelbestandteile zu zerlegen, um daraus einer ganzen Menge Informationen zu gewinnen. Dieses "Nase-Zuklappen", das meist mit zurückgelegtem Kopf stattfindet, nennen Pferdeleute übrigens "Flehmen". Es ist besonders oft beim Paarungsverhalten des Pferdes zu sehen, denn einen Großteil der Information darüber, die paarungswillig eine Stute ist, gewinnt der Hengst daraus, daß er ihre Geschlechtsorgane beriecht. Herr Hengst interessiert sich aber selbstverständlich auch für das gesamte Odeur seiner Partnerin. Wie wir hat nämlich auch jedes Pferd einen individuellen Duft, der nicht nur über seine Identität und sein Geschlecht, sondern anderen Pferden vermutlich auch über seinen Gesundheitszustand und wahrscheinlich sogar über seine Laune Auskunft gibt. Darum ist der Duft für jede Kommunikation unter Pferden sehr interessant. Und weil Pferde sich ja wenig mit Lauten verständigen, wird ihre "Duftsprache" wahrscheinlich auch ein Grund dafür sein, warum sie so feine Nasen entwickelt haben. | | |
Wir sehen, dass die Autorin sehr viel Wissen aus dem Bereich der Verhaltensforschung zusammengetragen hat. Wussten Sie schon, dass Bernhard Grzimek mit Arabern experimentiert hat? Es finden sich viele interessante Erkenntnisse, die belegen, dass die Autorin viel gelesen hat.
Erfahrungen und Erkenntnisse von Freunden werden ab und an eingeflochten. Es wird deutlich, daß wir bei allen wertvollen Einsichten immer noch viel zu wenig wissen... Es bleibt also spannend; der Leser oder die Leserin wird implizit aufgefordert, selbst zu beobachten und Schlüsse zu ziehen - jedenfalls war dies die Wirkung der Lektüre auf mich.
Schade, daß die Designer so gnadenlos zugeschlagen haben. Sämtliche Fotos sind mit rechteckigen Kästen verschnitten, manchmal sind Fotos in Fotos einkopiert - ich leide mit der Fotografin, deren Absicht es nicht gewesen sein kann, sich die wunderbaren Bilder verhunzen zu lassen.
So wirkt der Band auf den ersten Blick geschmäcklerisch. Wenn ich diesem Buch zufällig in einer Buchhandlung begegnet wäre, hätte ich es allein deshalb mit Sicherheit nicht in Betracht gezogen. Das ist schade. Das haben die beiden Autorinnen nicht verdient. Lassen Sie sich nicht abschrecken, auch wenn Sie immer und ewig von den Kästen abstrahieren müssen: es lohnt sich trotzdem.
erschienen 10.11.02
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 219, Binder, Sibylle Luise / Kärcher, Gabriele: › Wilde Pferde, Leben in Freiheit
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