Hufschmied
Théodore Géricault, Frankreich Flämischer Hufschmied 1822, Lithographie, 24x32,5 cm Bibliothèque Nationale, Paris
Ist dieses Blatt ein eigenständiges Kunstwerk oder eine Illustration? Ist das Blatt in einem Zusammenhang entstanden, etwa als Folge über Handwerker oder Pferde oder als Illustration zu einem Buch? Meine Quelle gibt darüber leider keine Auskunft.
Jean-Louis Théodore Géricault, 1791-1823 Geboren am 26. September 1791 in Rouen. Ursprünglich Schüler von Carle Vernet - und wie dieser von Pferden begeistert -, später Schüler Guerins, eines neoklassizistischen David-Epigonen. Der Einfluß von Gros und Rubens sowie die Begeisterung für die Siege Napoleons bestimmen die epische Richtung seiner Malerei, wie man zum Beispiel in seinem Kavallerieoffizier erkennt, mit dem er sich am Salon von 1812 beteiligt. Während einer Italienreise konzipiert er unter dem Einfluß der Kunst Michelangelos 1816 zwei Werke, die Berühmtheit erlangen sollten: das "Wettrennen der Berberrosse" und das "Floß der Medusa", das, 1819 im Salon ausgestellt, heftige Reaktionen auslöst. Sie erbittern den Maler sehr, der daraufhin nach England reist.
1820 finden wir Géricault zusammen mit Charlet in London. Die Entdeckung der englischen Farbgebung, insbesondere der Malerei Constables, hat ihn umgeformt. In dieser seiner letzten Periode schafft er seine bedeutendsten Werke, darunter das "Derby von Epsom" und die "Gipsbrennerei", außerdem eine ganze Reihe bemerkenswerter Lithographien.
Géricault stirbt am 26. Januar 1823 in Paris an den Folgen eines Sturzes vom Pferde. Die Autonomie seiner Inspiration und die Ursprünglichkeit und Originalität seiner Entscheidungen auf dem Gebiete der Kunst, ja der Kultur überhaupt, machen Géricault zum Vorläufer der großen französischen Naturalisten wie Courbet und Manet.
Kommentar Von Werner Stürenburg
Dieses Blatt ist etwa zur selben Zeit entstanden wie das Gemälde Gipsbrennerei aus der letzten Ausgabe. Wir haben dort auch eine Studie gesehen, eine Bleistiftskizze, die mit Sicherheit "nach der Natur" entstanden ist.
Eine Lithographie kann man nicht "nach der Natur" arbeiten, dazu ist der Schaffensprozeß zu langwierig. Als Technik war die Lithographie noch recht jung. Im Gegensatz zum Hochdruck, etwa dem Holzschnitt, wo die Teile weggeschnitten werden, die nicht drucken sollen, so daß die hochliegenden Teile eingefärbt werden, und zum Tiefdruck wie der Radierung, wo die Farbe in die Vertiefungen eingerieben wird und die hochliegenden Teile blankgeputzt werden, befinden sich die druckenden und nicht druckenden Teile auf derselben Höhe; daher auch der Name Flachdruck.
Lithographie
Damals wurde vermutlich vom Stein gedruckt, einem sehr gleichmäßigen, feinporigen Sandstein. Lithographie bedeutet nämlich wörtlich übersetzt Steindruck.
Der Künstler arbeitete direkt auf dem Stein, und zwar mit fetthaltigem Material, z. B. Tusche oder Stift. Das Material sinkt in den Stein. Zum Drucken wird der Stein gewässert. An den präparierten Stellen wird das Wasser durch das Fett (mehr oder weniger) abgestoßen und sinkt ansonsten in den Stein.
Wenn nun mit einer Walze Farbe auf den Stein aufgetragen wird, wird diese wiederum von den wasserhaltigen Stellen abgestoßen, weil sie fettig ist, kann aber an den fetthaltigen Stellen des Steins anhaften.
Dann wird ein Blatt Papier aufgelegt und der Stein unter einem Reiber durchgezogen, so daß das Papier recht heftig auf den Stein und damit die Farbe gedrückt wird. So überträgt sich die Farbe auf das Papier.
Dieses Verfahren kann beliebig oft wiederholt werden, ohne daß die Qualität merklich leidet, im Gegensatz zum Hochdruck oder Tiefdruck, wo die ersten Drucke die besten sind. Eine Lithographie wird also hergestellt, um einen "Massenmarkt" zu bedienen - zumindest wird man versuchen, möglichst viele Blätter zu verkaufen.
Dazu muß man etwas anbieten, was viele Leute interessiert. Albrecht Dürer hat Anfang des 16. Jahrhunderts bereits den Holzschnitt auf Jahrmärkten angeboten, Agenten beschäftigt und auch seine Frau als Verkäuferin auf Reisen geschickt.
Dürer hat Themen aufgegriffen, die die Leute damals beschäftigt haben, religiöse Themen zum Beispiel, und hat in den Wirren der Reformation deutlich für Luther Partei ergriffen. Man kann sich vorstellen, daß seine Arbeiten in diesem Zusammenhang begehrt waren.
Wer könnte sich für den Flämischen Hufschmied von Géricault interessiert haben? Wir haben in der letzten Woche bereits spekuliert, daß Géricault von den berauschenden Träumen der Revolution und der Kaiserzeit Abschied genommen hatte. Vermutlich stand er damit nicht allein.
In Deutschland nennt man die Zeit Biedermeier. Sie ist gekennzeichnet durch eine Besinnung auf das Häusliche, Private, Kleine, Gewöhnliche, Unheroische, und die Ursache war die gleiche. Man hatte die Nase voll und wollte einfach seinen Frieden haben.
Dieses Blatt befriedigt solche Bedürfnisse durchaus. Schauen wir uns den Ausschnitt mit dem Kind an: es ist ohne Arg und wird nicht enttäuscht: das Pferd neigt sich freundlich zum Kind herunter. Der Pferdeführer beachtet die beiden gar nicht, er weiß, daß keine Gefahr droht.
Er seinerseits ist vollkommen entspannt und träumt vor sich hin, ohne Sorgen um sein Leben, das wohlgeordnet zu sein scheint, denn er ist gut gekleidet. Mit ihm mag man sich identifizieren; sein Pferd ist die Garantie seines Wohlstandes. Der Hufbeschlag ist reine Routinesache.
Hufbeschlag
Es ist interessant, die Technik zu studieren, mit der der Flämische Hufschmied arbeitet. Der Titel deutet darauf hin, daß französische Hufschmiede vermutlich anders gearbeitet haben.
Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg auf einem Dorf in der Nähe von Hannover mit 800 Einwohnern aufgewachsen, wovon die Hälfte etwa Flüchtlinge waren. Die meisten alt eingesessenen Anwohner waren Tagelöhner bei etwa einem Dutzend Bauern und arbeiteten im Hauptberuf bei der Bahn.
Die Bauern hatten alle zwei schwere Arbeitspferde, die beschlagen waren und deshalb regelmäßig beim Schmied des Dorfes vorgeführt werden mußten, der zugleich Hufschmied war. Ich habe oft genug zugesehen. Der Hufschmied machte es so, wie ich es auch von heutigen Hufschmieden kenne: er arbeitete frei.
Dieser Hufschmied macht es anders. Das Pferd steht in einem Gestell und ist von hinten mit einem breiten Riemen gesichert, so daß es nicht zurücktreten kann. Der Hinterhuf, der gerade bearbeitet wird, ruht auf einer Stange, die ihrerseits mit einem Lappen umwickelt ist, damit das Gelenk weich gepolstert ist.
Oder sollte es sich um einen Strick handeln, mit dem der Huf an der Stange festgebunden ist? Genau so wird es sein, denn jetzt kann der Hufschmied frei agieren, ohne sich um mögliche Aktionen des Pferdes kümmern zu müssen. Das Pferd ist fixiert, scheint das aber nicht übel zu nehmen.
Der Schweif ist hochgebunden, aber das ist vermutlich keine besondere Maßnahme, denn wir haben in der letzten Woche gesehen, daß die Zugpferde alle einen hochgebundenen Schweif hatten. Daraus können wir schließen, daß die Amputation des Schweifes damals zumindest für Arbeitspferde nicht üblich war. Möglicherweise wurden Reitpferde für den Adel und das Militär bereits kupiert.
Der Hufschmied hält gerade das glühende Eisen auf den präparierten Huf, wir sehen den Rauch, in den das Horn des Hufes aufgeht. Das Eisen ist sehr breit, der Huf vergleichsweis klein, und möglicherweise ist das Eisen vollkommen glatt, das kann ich nicht genau erkennen. Es hat auf jeden Fall mindestens sechs, wahrscheinlich sieben Löcher für die Nägel.
Beim Gemälde der letzten Woche war mir schon aufgefallen, daß zumindest eins der Pferde ein Apfelschimmel war; dieses Pferd ist ebenfalls ein Apfelschimmel. Bei uns im Dorf gab es so etwas nicht, es waren alles Braune. Mein Großvater hatte mir Pferde aus Holz geschenkt, ein Paar, etwa 40 Zentimeter groß: das waren auch Apfelschimmel. Ich nehme an, daß Apfelschimmel besonders begehrt waren, weil sie schick sind und selten.
Übrigens ist dieses Pferd ganz eindeutig als Hengst gekennzeichnet. Man hatte also keine Probleme damit, Hengste als Arbeitspferde einzusetzen.
Kleidung
Das Kind, ich vergaß es zu erwähnen, ist eindeutig ein Junge, und das macht auch Sinn. Mädchen interessieren sich heute zwar wesentlich mehr für Pferde als Jungen, aber ich kann mich nicht erinnern, damals ein besonderes Interesse bei den Mädchen festgestellt zu haben.
Jungen hingegen interessierten sich sehr wohl für die Pferde, denn die waren ein Teil der Männerarbeit, die wir täglich beobachten konnten. Immerhin gab es noch Männer, deren Arbeit öffentlich war. Die Schmiede gehörten dazu, sie arbeiteten so gut wie immer bei offener Tür.
Kinder möchten sich mit den Rollen identifizieren, die sie später einmal einnehmen möchten. Das ist ganz unschuldig und nachvollziehbar. Aus meiner Kindheit gibt es Fotos, wo ich den Bräutigam spiele: wie die Erwachsenen formen wir Kinder einer Hochzeitszug, der die Dorfstraße hinauf zur Kirche zieht.
Überhaupt haben wir häufig "Mann und Frau" gespielt, und die Mädchen hatten es dabei immer leichter: sie wußten genau, was sie zu tun hatten, während die Rollen für die Männer reichlich diffus blieben. Die meisten Väter waren einfach weg, keiner wußte, was die eigentlich taten.
Im Gegensatz zu unserer Zeit jedoch hat in diesem Bild das Kind, der Junge, Kleider an. Mein Vater hat noch Kleider getragen, bis er in die Schule kam; das war nach dem Ersten Weltkrieg. Ich bin von Anfang an als Junge gekleidet worden.
Aber nicht nur das Kind, auch der Pferdeführer hat ein Kleid an oder einen Umhang und darunter Kniebundhosen. Er trägt, wie es scheint, keine Strümpfe, sondern Kleidungsstücke, die oben wie Kniestrümpfe aussehen und unten ganz eindeutig wie Gamaschen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Gamaschen sind wie üblich mit einem Riemen unter dem Schuh befestigt.
Das Kind scheint keine Schuhe zu tragen, was ebenfalls glaubhaft ist, denn noch mein Vater ist im Sommer immer barfuß gelaufen; im Winter hatte er Holzschuhe. Lederschuhe waren sehr teuer und daher sehr kostbar. Der Pferdeführer zeigt seinen Wohlstand also auch durch die gute Schuhe, nicht nur durch den Hut und die feine Kleidung.
Mein Großvater mütterlicherseits war Schuhmacher und einer der letzten Handwerker, die noch auf Wanderschaft gegangen sind. Als seine Wanderschaft vorbei war, war es auch mit dem Handwerk vorbei, denn Ende des 19. Jahrhunderts wurden überall Schuhfabriken gegründet, die die Schuhe wesentlich günstiger herstellen konnten als ein Handwerker.
Er wurde daher zunächst Flickschuster, dann Bergmann, weil in dieser Gegend Kohle gefördert wurde. Damit konnte er seine Familie ernähren. Und nebenbei hatte er eine kleine Landwirtschaft, aber zu einem Pferd hat es nicht gereicht. Die Kühe mußten den Wagen und den Pflug ziehen, was mich sehr gewundert hat, denn das gab es in unserer Gegend nicht.
Der Schmied trägt ebenfalls Kniehosen, die mit zwei Knöpfen unterhalb des Knies geschlossen werden können - er aber läßt sie offen. Der rechte Strumpf ist heruntergerutscht - gab es damals schon Gummibänder? Der linke Strumpf läßt nicht vermuten, daß ein Gummiband eingearbeitet ist. Wie sind die Kniestrümpfe befestigt worden?
Die Strumpfhalter für Herren sind völlig aus der Mode gekommen, und auch die Damen tragen solche Stücke nach meiner Kenntnis heute nur noch in aufreizender Absicht, also allenfalls zu Fototerminen oder möglicherweise im Schlafzimmer als Stimulanz für müde Partner.
Ich kann mich nicht erinnern, solche Kleidungsstücke getragen zu haben, aber gesehen habe ich sie wohl und mein Vater hat sie auch getragen: Unterhemden mit Knöpfen am unteren Rand, an die Strümpfe geknöpft wurden, die das ganze Bein bedeckten. Darüber trug der Knabe dann vermutlich genauso wie das Mädchen ein Kleid.
Bei Kniebundhosen dürfte die Hose den Kniestrumpf gehalten haben. Und das ist vielleicht auch der Grund, warum die Strümpfe herunterrutschen. Vielleicht hat die Hose gedrückt und der Schmied hat deshalb den Bund geöffnet. Er trägt übrigens keine Schuhe, sondern Latschen, was heute aufgrund der Unfallverhütungsvorschriften mit Sicherheit nicht zulässig wäre.
So lehrt uns denn dieses Blatt eine Menge über seine Zeit. Selbstredend ist der Schmied ein Kerl, der seine Arbeit kompetent und gern ausführt. Ganz links im Bild sieht man noch einen weiteren Mann, vielleicht ebenfalls Schmied, der anscheinend ein Pferd dirigiert, vielleicht in eine zweite Behandlungsbox.
Bleibt der Hund zu erwähnen, ebenfalls ein Zeuge seiner Zeit. Ich weiß zuwenig über Hunderassen, um Schlüsse ziehen zu können. Für die heutige Zeit sieht dieser Hund jedenfalls merkwürdig aus, man würde sich wundern, wenn man einen solchen Hund über den Weg laufen würde.
Das Pferd hat übrigens extrem lange Beine und infolgedessen ein unglaublich großes Stockmaß. Der Besitzer oder zumindest Betreuer scheint ein schlanker, großer Mann zu sein. Er kann kaum über den Rücken des Pferdes schauen. Gleichwohl ist der Hengst eindeutig ein Kaltblut.
Nun sind die Shire Horses bekanntlich die größten Pferde, aber diese sind Rappen. Um welche Rasse es sich hier also handeln mag? Die Pferde des Gemäldes waren zwar auch groß, aber so groß kamen sie mir nicht vor. Hier jedoch sind die Größenverhältnisse ziemlich klar.
Quellen
- Dario Durbé: Courbet und der französische Realismus
Herrsching 1988, Pawlak Verlag, aus dem Italienischen, ISBN 3-88199-429-7
| |
Fotos Wie angegeben unter Berufung auf das Zitatrecht (Fair Use).
| |