
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Der Klappentext gibt zu denken. Ich nehme an, daß schon und besonders der erste Satz Gewicht hat:
| | Reitkunst besteht vor allem darin, sein Pferd zu verstehen. | | |
Wer hätte das gedacht? Ging es in den letzten Jahren nicht allenthalben darum, die Dominanz über das Pferd herzustellen? Die Sprache des Pferdes zu sprechen, um es besser dominieren zu können? Auch der nächste Satz unterstreicht, daß hier eine andere Geisteshaltung vorliegt:
| | Nur so kann man es richtig ausbilden, ohne es zu überfordern. | | |
Von Ausbildung ist die Rede, nicht von Leistung. Und dann wird uns ein Einblick in die Arbeit versprochen. Es geht also nicht ums Vergnügen. Zum Schluß erfahren wir, daß wir einen Zeitraum von 15 Jahren überblicken dürfen.
Es regt sich der Verdacht, daß die Ausbildung im Alter von 19 Jahren noch nicht zu Ende sein könnte. Mein Blick schwankt zwischen dem Text und dem darüber stehenden Foto, das den Hengst im spanischen Schritt mitsamt kostümiertem Reiter vor einem strengen Schloß zeigt, in Vordergrund die klassischen Pylonen. Ein langer Weg. Wer will den gehen?
Das Titelbild in der Pesade läßt mich zweifeln, ob es viele Menschen gibt, die so mit ihrem Pferd umgehen wollen. Meine Zweifel sind aber unberechtigt. Das Interesse an dem Buch ist sehr groß. Es liegt jetzt in der zweiten, durchgesehenen Auflage vor und verkauft sich ausgezeichnet.
Der Verlag hat die Farbe des Umschlags von strahlend gelb nach weinrot verändert: man kann die Auflage auf den ersten Blick erkennen. Stellt sich die Frage: was fasziniert an diesem Buch?
Ich muß gestehen, daß dieses Buch spröde ist und daher durchaus Anlaß zu der Frage gibt. Wer sich etwas Zeit nimmt, wird aber doch recht schnell begeistert.
Das möchte ich belegen und beginne mit einem Zitat aus dem ersten Kapitel: "Warum ein iberisches Pferd?" Denn das Buch ist zugleich eine Liebeserklärung an den Lusitano Odin. Theoretische und praktische Kapitel wechseln sich ab mit Anekdoten aus der gemeinsamen Geschichte.
Eine dieser Anekdoten beschreibt den Beginn dieser Liebesbeziehung, und der ist schon lehrreich und beeindruckend. Der Autor besucht mit seiner Gattin und den zukünftigen Besitzern den Züchter, der zwei Pferde vorstellt. Das erste Pferd überzeugt. Dann wird das zweite Pferd beschrieben, und es ist eine einzige Sammlung von Gebäudefehlern.
| In der Bewegung zeigte er sich von einer besseren Seite. Raumgreifender Schritt. Sehr ausdrucksstarker, elastischer Trab. Jedoch bescheidener Galopp mit mangelndem Raumgriff und Neigung zum Eilen. Unter dem Sattel ging er normal für einen kaum angerittenen Dreijährigen, der unter dem störenden Reitergewicht schwankt. Zwei Haupteindrücke traten hervor: eine große Sensibilität und mehr Geschmeidigkeit als Kraft. Insgesamt sprach eine eingehende Prüfung von Gebäude und Gängen für das erste Pferd. Aber von dem Zweiten ging eine Mischung aus Anmut und Souveränität aus, die eine sehr starke Persönlichkeit widerspiegelte. | | |
Kurz und gut: es war keine Frage, welches Pferd erworben wurde. Dieses Pferd ist der Held des Buches, jedes Kapitel führt unter der Überschrift ein Medaillon mit seinem Porträt.
Der Hengst Odin ist eine Provokation und erlaubt es dem Autor, unangenehme Wahrheiten zu erfahren und auszudrücken, etwa:
| Wenn man die moderne Dressur in die Geschichte der Reiterei einordnet, entdeckt man im Übrigen schnell, dass das, was man heute für ewige Werte hält, vielleicht nur einer Mode unterliegt. Einige Beispiele: Der starke Trab, heutzutage so gefragt, wurde von den alten Meistern als ordinäre Kutschpferdegangart angesehen. Um vorwärts zu kommen, hat die Natur uns den Galopp geschenkt. Ein Standpunkt, der etwas für sich hat. | | |
Odin bewährt sich und beschämt alle Kritiker - diese Teile des Buches lesen sich wie ein Roman. Es soll aber auch ein Lehrbuch sein, und der Autor reflektiert über die Philosophie des Reitens, der Pädagogik und des Unterrichts. Er spart nicht mit Zitaten aus anderen berühmten Reitlehren und ist bemüht, selbst unentwegt zu lernen:
| | "Vor allem muß man viel reiten, ohne dass sich deshalb Staub auf die Bücher in den Regalen legt." (Nuno Oliveira) | | |
In diesem Sinne möchte ich jedem Reiter empfehlen, immer wieder in dieses Buch hineinzuschauen und daraus zu lernen, so wie der Autor ein Leben lang gelernt hat und nun die Gelegenheit nutzte, sein Wissen weiterzugeben, was wir wiederum dankbar annehmen sollten.
Keine Angst: es geht nicht nur um Spitzenleistungen, es geht auch um ganze elementare Dinge und um Mißstände, die allenthalben zu beobachten sind, die der Autor sehr wohl kennt und beim Namen nennt. Auch das möchte ich belegen.
Im Kapitel "Philosophie der akademischen Reitkunst" findet sich im Abschnitt "Schule der Schenkelhilfen" zunächst die Kritik an der herkömmlichen Methode:
| Hört man nicht überall: "Treiben, treiben ... stärker! ... Schenkel ran, Schenkel ran ...!" Das ist ein zweifacher schwerer Irrtum: - Erstens entsteht durch den Wortgebrauch eine falsche Vorstellung. Man "treibt" oder "schiebt" ein Pferd nicht, aus dem einfachen Grund, weil man drauf sitzt! Schieben kann man einen Schubkarren - außer eben, man sitzt drin! Also muss man einsehen, dass man das Pferd nicht anschiebt, sondern es "ersucht", sich in Bewegung setzen zu wollen - was ein großer Unterschied ist. Daher hängt alles von der gelungenen Erziehung auf die Schenkelhilfen ab, die Sache des Reiters ist. Durch Überredungskunst muss sie Verständnis und Respekt einflößen.
- Zweitens versteht es sich von selbst, dass stärkere Einwirkung, selbst um den Fleiß zu erhöhen, in keinster Weise dazu beiträgt, den Schwung zu verbessern, in dem sich ja die "Produktivität" der Schenkelhilfen äußert. Wird hingegen ein bestimmter Vorwärtsdrang mit wenig Schenkelhilfe aufrechterhalten, kommt darin mehr Schwung zum Ausdruck.
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Es folgt die detaillierte Anleitung, wie der gesuchte Schwung systematisch entwickelt werden kann. Die Erläuterungen werden gleichzeitig mit Einsichten über die Natur des Pferdes untermauert und die Zielsetzung bekräftigt:
| Je fauler das Pferd oder je mehr es sich verhält, desto kürzer und energischer müssen die Reprisen sein, unterbrochen von Schrittpausen und Lob. Wiederholung baut auf, Verbissenheit zerstört. Man erzieht mit Ausdauer, nicht mit Abnutzung. Die Anwendung dieses Fünfpunkteprogramms ermöglicht es, in die Psyche des Pferdes einen absoluten Schenkelgehorsam einzuprägen, der dauerhaften, großzügigen Schwung garantiert. Das Pferd vibriert beim "Hauch der Stiefels". | | |
Die Geschichte dieser 15jährigen Erziehung und Ausbildung macht deutlich, daß Pferd und Mensch sich gleichermaßen aneinander entwickeln und erfreuen. Es wird also nicht nur das Pferd verändert, sondern auch der Mensch. Und vermutlich genau deshalb findet diese gemeinsame Arbeit im Prinzip kein Ende. Aus demselben Grunde könnte man daher das gemeinsame Tun statt Arbeit auch Leben nennen, was vielleicht angemessener ist. Das Buch enthält sehr viele sehr schöne Fotos mit dem Autor und dem Helden und dazu eine Fülle von ausgezeichneten Grafiken des Autors. Ganz besonders beeindruckt hat mich die Erfindung des Pferdefahrrads, einer Kombination aus Steckenpferd und Fahrrad, die ganz besonders dazu geeignet ist, Haltungsprobleme zu veranschaulichen.
Das Buch endet auch mit Odin. Ein Jahr nach dem Abschied des Autors von der École National d'Équitation konnte dieser den Hengst erwerben. Er befand sich allerdings in einem "miserablen physischen und psychischen Zustand".
Ein Jahr später war Odin wieder in hervorragendem Zustand, wie das letzte Foto des Buches anläßlich der Hansepferd-Galaschau im Mai 2000 beweist. Da war das Buch fertig, das diesem Pferd ein Denkmal setzt.
erschienen 15.06.02
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 275, Karl, Philippe: › Klassische Dressur I, Teil 1: Hilfengebung, Légèreté – die Philosophie der Leichtigkeit Ausgabe 374, Karl, Philippe: › Irrwege der modernen Dressur, Die Suche nach der "klassichen" Alternative, Cadmos Handbuch
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