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Drei blaue Pferde

Copyright wie angegeben
Franz Marc, Deutschland
Die Kleinen Blauen Pferde
Vermutlich Aquarell/Papier, Umfeld "Kleine blaue Pferde" in der Staatsgalerie Stuttgart

 Carol Gerten-Jackson behauptet, dieses Bild sei das Gemälde aus der Staatsgalerie, aber das wissen wir besser, denn die Abbildung aus dem Beitrag   Turm der blauen Pferde zeigt deutlich sowohl die Ähnlichkeit als auch die Abweichungen der beiden Bilder.

Im Gegensatz zu dem Ölgemälde aus der Staatsgalerie scheint es sich hier um ein Aquarell zu handeln. Das war uns bereits beim Turm der blauen Pferde begegnet: entweder hat Franz Marc Studien angefertigt, bevor er das Gemälde ausgeführt hat, oder er hat später nach dem Gemälde Repliken auf Papier gemacht. Bisher habe ich über seine Arbeitsweise keine Angaben gefunden.


Franz Marc, 1880-1916
Nachdem er zuerst Pfarrer werden wollte, verspürte er im Alter von 20 Jahren eine Berufung zum Maler und begann, an der Münchener Akademie zu studieren. Auf zwei Reisen nach Paris (1904 und 1907) lernte er die Bilder Manets, der Impressionisten und von Vincent van Gogh kennen. Im Jahre 1910 freundete er sich mit August Macke an. Das Jahr 1911 war für ihn ein entscheidendes Jahr: Er lernte die Maler Jawlensky, Kandinsky, Münter und Werefkin kennen, mit denen er die Künstlergemeinschaft des "Blauen Reiters" gründete. Franz Marc starb am 4.3.1916 im Ersten Weltkrieg in der Nähe von Verdun als Soldat.


Kommentar
Von  Werner Stürenburg

In der letzten Woche (  Zwei blaue Pferde) habe ich gar keine Gelegenheit gehabt, mich über die blauen Pferde an sich auszulassen. Es wird Zeit, dass ich das einmal tue. Die blaue Farbe können wir jetzt beiseite lassen, das ist abgehakt. Es bleiben die Pferde übrig.

Das sind nun keine allgemeinen Pferde, nicht Pferde an sich, sozusagen, sondern ganz eindeutig Marcsche Pferde, die es nirgendwo gibt außer auf den Bildern von Franz Marc. Das ist offensichtlich und bedarf keiner weiteren Erklärung.

Die Frage ist: was hat es mit diesen Pferden auf sich? Was ist das Typische an den Pferden Marcs? Wieso sind die Pferde von Marc so wie sie sind? Was ist die Bedeutung oder die Botschaft dieser Pferde?

Diese Frage muss ich gleich einschränken, denn es gibt mehrere verschiedene Typen von Marcschen Pferden, wir haben das gesehen, und die sind nicht über einen Kamm zu scheren. Ich will mich daher auf den hier gezeigten Typ beschränken, den ich probehalber "Gummipferd" nennen möchte.

Denn diese Pferde wirken auf mich wie "Jimmy, das Gummipferd", Held aus einer Comicserie, die der Stern in meiner Jugend gebracht hat, und zwar sensationelle 24 Jahre lang (Stern-Kinderbeilage Sternchen, 1953-77).


Gummipferd

Copyright wie angegeben
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Copyright wie angegeben
  Roland Kohlsaat: Jimmy, das Gummipferd
Jimmy war wirklich aus Gummi und aufblasbar: das war der Clou an der Geschichte. Wenn der Cowboy in Nöte kam, konnte er die Luft ablassen, sich den Jimmy in die Tasche stecken und durch das nächste Loch verschwinden. Danach blies er den Jimmy einfach wieder auf, und dann wurde der richtig dick und rund, ganz gemütlich und gutmütig. Schwimmen konnte der Jimmy natürlich auch.

Eigentlich war der Cowboy natürlich der Held, ein Cowboy mexikanischen Typs mit Sombrero und Oberlippenbart, aber die Hauptrolle spielte Jimmy. Jimmy lieferte den Titel der Serie, Jimmy bleibt mehr in Erinnerung als sein Besitzer, dessen Namen ich vergessen habe. Im Internet finde ich die Information, dass die Serie 1960 in "Julios abenteuerliche Reisen" umbenannt wurde. Damals habe ich wohl schon nicht mehr mitgelesen.

Dieses Gummipferd hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Worin besteht die eigentlich? Oder mit Bezug auf Franz Marc: worin besteht die besondere Ausstrahlung der dicken Pferde von Franz Marc? Oder noch anders: wieso denke ich bei den Pferden von Franz Marc an Jimmy, das Gummipferd?

In beiden Fällen fällt die Unbeschwertheit und Unschuld auf. Diese Pferde leben sozusagen noch im Paradies. Und was ist das Paradies? Das Paradies ist Glückseligkeit.

Und warum sind wir nicht alle im Paradies, im Zustand der Glückseligkeit? Weil wir die Sünde und damit die Schuld und das Leid erfahren haben.

Die Sünde? Was ist das denn? Ich kenne mich da nicht so aus, aber vom Hörensagen weiß ich, dass die katholische Kirche in dieser Sache Expertenwissen hat. Es zieht sich aber durch unsere gesamte Kultur, bis hin zu den täglichen Soap Operas.

Wenn es nicht gerade um die harten Sachen geht wie Mord oder Gotteslästerung, dann dreht es sich um, raten Sie mal - Sex, die "schönste Nebensache der Welt", die trotz aller Aufklärung und Liberalisierung, um nicht zu sagen Libertinage, den Menschen schwer im Magen liegt.

"Kann denn Liebe Sünde sein?" fragte Marlene Dietrich, die sich nun ausgerechnet als Verkörperung der Femme fatale, des verführerischen Appels an die "niederen Triebe" unsterblich gemacht hat.


Sünde

Copyright wie angegeben
  Franz von Stuck: Die Sünde
Öl/Leinen, 1893, Neue Pinakothek, München
Da normalerweise Mord und Gotteslästerung im täglichen Programm von Otto Normalverbraucher nicht vorgesehen ist, bleibt also für die Sünde nur wenig übrig.

Kein Wunder, dass Franz von Stuck als Personifizierung der Sünde eine herausfordernde Frau nimmt, die den männlichen Betrachter sexuell verführen will, woraufhin dieser sich vermutlich sündig und schuldig fühlen wird.

Bei Stuck ist die Frau auch noch böse. Der Grund ist deutlich genug: die Schlange hat sich der Frau bemächtigt, und die ist bekanntlich ein Symbol für die Muttergöttin, die der Vatergott des Alten Testaments verteufelt.

Das Interessante ist nun, dass die unschuldigen Pferde von Franz Marc und auch Jimmy, das Gummipferd, durchaus sinnlich und herausfordernd wirken, und zwar für männliche Augen. Es fehlt allerdings im Vergleich mit Stuck die Schuld-Komponente, mithin das Leid.

Der Grund liegt darin, dass die sexuelle Anspielung so verhalten ist, dass an eine Realisierung der Träume und Phantasien gar nicht zu denken ist. Insofern ist der Reiz so unschuldig wie die sexuelle Ausstrahlung eines unreifen Mädchens, das sich seiner Wirkung noch nicht bewusst ist.

Die Situation ist ähnlich wie bei Karl May, bei dem sich die männlichen Helden auffallend häufig eng umschlungen am Boden wälzen. Wem wäre noch nicht aufgefallen, dass Winnetou ausgesprochen weibliche Züge trägt und Old Shatterhand seinen Blutsbruder inniglich liebt?

Arno Schmidt hat die homoerotischen Tendenzen in den Abenteuerromanen des Sachsen und noch einiger weiterer Literaten genüßlich nachgewiesen. Auf der bewussten Ebene ist alles harmlos, zugrunde liegen jedoch vitale Bedürfnisse, die durch die vordergründige Story befriedigt werden.

Wir sind eben sexuelle Wesen und die Sexualität ist die stärkste Kraft in diesem Universum. Sie hält die Schöpfung in Gang, niemand kann sich ihr entziehen. Die Frage ist, wie es dazu kommen konnte, dass die Sexualität zu einem Problem wurde. Es wäre bestimmt zu einfach, einer Institution wie der katholischen Kirche die alleinige Schuld daran zuzuweisen.


Verlangen

Copyright wie angegeben
Franz Marc: Traum, 1912
Der Selbsterhaltungstrieb schafft eine natürliche Distanz, während die Sexualität diese Distanz überwinden will und muss. Wer sich intim einlässt, macht sich verletztlich und liefert sich aus.

Die Situation ist also gefährlich und setzt ein hohes Maß an Vertrauen voraus. Wer hier nicht auf sich achtet, kann leicht selber tiefes Leid erfahren oder verursachen und damit schuldig werden.

Die unschuldige Situation der Marcschen Pferde ist unverbindlich und impliziert keineswegs risikoreiche Handlungen, im Gegenteil, gerade die paradiesische Situation widerspricht der Veränderung. Es ist mehr ein Zustand als ein Prozess. Es gibt kein Verlangen, es gibt nur ein Sein. Oder vielleicht genauer: das Verlangen ist ganz leise und muss sich nicht manifestieren.

Oder sollte es so sein: das Verlangen würde sich gern ausleben, traut sich aber nicht? Wer weiß? Dabei ist es unerheblich, ob wir aus den biographischen Einzelheiten des Malers Hinweise bekommen, denn das würde nur für ihn sprechen, nicht aber für die Millionen Menschen, die sich unmittelbar von seinen Bildern angesprochen fühlen, ohne genau zu wissen, weshalb.

Die sinnlichen Pferde von Franz Marc könnten sehr wohl das Versprechen einlösen, Zärtlichkeit und Verlangen ohne Schuld und Reue zu repräsentieren. Deutlich wird mir das aus dem Gemälde "Traum", das einzige mir bekannte Bild Marcs, das das Thema der Sexualität und sexuellen Beziehung direkt anspricht, das einzige sogar, wenn ich es recht überlege, das eine Person darstellt.

Diese Person ist eine nackte Frau, die im Zentrum des Bildes sitzt, um zwar in einer sehr merkwürdigen Stellung. Ihre überkreuzten Arme schützen ihr Geschlecht, was sonst in extremer Weise preisgegeben wäre. Zwei blaue Pferde bewachen sie, und zwar Pferde eines anderen Typs, den ich den geometrischen nennen will. Sie sind blau und schematisch, aber durchaus nicht ohne Ausdruck.

Das Blau scheint die Frau von rechts und unten zu beschützen, während von rechts oben, hinter den Pferden, das Rot ganz gefährlich herandriftet. Von links oben nach rechts unten wiederholt sich dieses Rot, über der Frau zwei Pferde in rot/rot-gelb, eins mit blauer Mähne, links ein Löwe, der auf die Frau schaut und erschrocken oder entsetzt zurückweicht und brüllt. Parallel zu den Beinen des Löwen taucht eine pflanzlich-grüne Form auf, die auf das Maul des Löwen zielt.

Das Bild hat noch viel mehr Einzelheiten, aber damit will ich es bewenden lassen. Es ist so schon konfus genug und macht hinreichend deutlich, dass die Nacktheit der Frau das Zentrum eines Problembündels darstellt. Keine Spur von Paradies. Der gelbe Löwe, offensichtlich männlich, reagiert negativ, und die Frau neigt schuldbewusst ihr Haupt.

Die nackten Tatsachen sind für Franz Marc problematisch. Das sehen die Marc-Liebhaber anscheinend ebenso. Andernfalls müsste dieses Bild bekannt und populär sein. Mit blauen Pferden tut er sich leichter.

Sie dürfen auch rot oder gelb sein, auf jeden Fall aber müssen sie harmlos und unschuldig sein. Mit wirklichen Pferden, mit Natur, haben diese Pferde nichts zu tun. Sie tun nur so.



Quellen



Fotos
Wie angegeben unter Berufung auf das Zitatrecht (Fair Use).


Leserbrief
10.03.03


Hallo Pferdefreunde,

durch Zufall habe ich bei Euch Galeriebeitrag 167:   Drei blaue Pferde · Gummipferd gefunden. Die abgebildeten Scans sind allerdings keine Zeichnungen von Roland Kohlsaat, sondern die in den 80er Jahren in Yps erschienenen Zeichnungen von Fred Kipka.

Schöne Grüße

Klaus Rumrich
webmaster@das-gummipferd.de
http://www.das-gummipferd.de
Hallo Klaus Rumrich!

Herzlichen Dank für den Hinweis! Wo kann ich denn Beispiele von Originalzeichnungen finden?

Mit freundlichen Grüßen
Werner Stürenburg





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Der Herausgeber ist nicht verantwortlich für Leserbeiträge und die Inhalte externer Internetseiten.
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