
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Die Chronik beginnt mit historischen Fotos zum Hof Wege, in den der Autor 1942 eingeheiratet hat. Der Grundbesitz ist riesig, er konnte von der Familie Wege nicht allein bearbeitet werden, Grund und Arbeit wurden mit sieben Pächterfamilien gleichmäßig geteilt. Trotzdem ist augenfällig, dass das Leben hart war und wenig zuzusetzen blieb. Einige Gebäude machen durchaus einen baufälligen Eindruck.
Die nächsten beiden Seiten schlagen völlig andere Töne an. Vier farbige Abbildungen zeigen idyllische Natur, einen Fuchs, zwei Dachse, wilde Primeln und blühende Wiesen. Der Text zählt die Fülle an interessanten Vögeln auf, zeichnet das Bild eines gesegneten Fleckchens Erde.
Der letzte Satz zeigt aber, dass der Autor neben seiner Begeisterung für die Natur immer auch die harten wirtschaftlichen Tatsachen im Blick gehabt hat: "Gleichfalls musste eine finanzielle Basis zum Erhalt dieser Werte geschaffen werden."
Die nächsten beiden Seiten zeigen rechts den Autor in seinen besten Jahren, stehend hinter seiner Frau Annemarie, die einen Säugling auf dem Schoß hält, vier der fünf Kinder sind schon da. Der Vater legt die Hand auf die Schulter seiner Frau, die den ältesten Sohn anschaut, der wiederum zum Vater aufblickt.
Dieser ist sich seiner Verantwortung für das gewaltige Erbe bewusst, die Sorgen beschäftigen ihn und halten ihn gefangen. Links das Foto eines mächtigen Angus-Bullen, Stolz eines jeden Bauern, doch der Text darüber belehrt uns, dass der Ertrag der Landwirtschaft trotz aller Anstrengungen unbefriedigend war und blieb.
Darunter, viel größer und farbig, durch hängende Weiden vom anderen Ufer der Großen Aue fotografiert, ein Blick auf die Herde der Araber-Stuten mit ihren Fohlen, im Hintergrund schmucke landwirtschaftliche Gebäude. Welch ein Kontrast! Der Wandel ist gewaltig, das Ergebnis befriedigend.
Der Text über dem Familienfoto von 1952 betont, dass Rolf Ismer 1959 seinen Entschluss, etwas Neues zu wagen und aus dem Althergebrachten auszuscheren, "im Einverständnis mit seiner Frau Annemarie und seinen fünf Kindern" gefaßt hat. Dieser Mann ist sich dessen bewusst, dass er ein Glied in einer Kette ist.
Der Name "Erpo de Wege" taucht bereits im 13. Jahrhundert in den Büchern auf. Rolf und Annemarie Ismer haben einen ihrer Söhne Erpo genannt. Dieser Besitz soll durch die nächsten Jahrhunderte weitergegeben werden, blühen und gedeihen durch viele weitere Generationen. Dazu wollte Rolf das Seine tun. Das sagt er zwar nicht, aber es steht deutlich zwischen den Zeilen.
Die nächsten fünf Seiten zeigen einige der 26 Fachwerkbauten, die heute auf dem Gelände stehen und allesamt in schönstem Glanz erstrahlen. Das große Wohnhaus von 1843 (damals müssen die Zeiten besser gewesen sein) versteckt sich bescheiden hinter Bäumen und Gebüsch, der Laufstall für die Pferde schiebt sich breit vor, die Schinkendeele lässt wieder das Thema der Geschäftstüchtigkeit anklingen, darunter das Bild der Kasse zum Tierpark, und natürlich strömen die Besucher herein.
Den Abschluß dieses Abschnittes bildet das Altenteil, im Vordergrund zwei graue Wasservögel, die ich auf Anhieb nicht einordnen kann, also das Thema Tierpark ansprechen, gefolgt von einer Aufstellung der Bauherren der verschiedenen Gebäude, die die Worte vom gemeinsamen Entschluss untermauern.
Von 1946, seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft, bis 1968 zeichnet Rolf Ismer verantwortlich. Schon 1964 hat er den kleinen Stutenstall neu erbaut und den Kuhstall zum Laufstall für eine Mutterkuhherde umgebaut. Dann taucht Erpo Ismer als Bauherr auf, sein Wohnhaus ist abgebildet, und Holger Ismer, der bis in die jüngste Zeit Bauten für die Pferde und für den Tierpark errichtet.
Wieder ein Blick zurück: zwei historische Aufnahmen von Überflutungen der Großen Aue, die Sinnbilder für die schwierige wirtschaftliche Situation sind. Der Wandel der Landwirtschaft in den frühen sechziger Jahren bringt weitere Gründe für den folgenschweren Entschluß, dem Bauernhof einen Tierpark anzugliedern und neben der traditionellen bäuerlichen Tierhaltung eine Pferdezucht aufzubauen.
Der Tierpark ist eine Konsequenz der Tierliebe des Autors, der schon 1946 begann, Sittiche und seltene Fasane zu züchten. Ich habe einige Bauern kennengelernt, aber keinen, der in dieser Hinsicht über seinen Tellerrand hinausgeschaut hätte. Was durchaus nachzuvollziehen ist: wer mit Tieren als Grundlage des Broterwerbs zu tun hat, hat selten ein weitergehendes oder gar sentimentales Interesse.
Die Illustrationen auf dieser Seite lassen die Idylle von Immenhof anklingen: der Vater fährt zweispännig mit einem seiner Söhne, zwei Fohlen bei Fuß. Auf der anderen Seite die vielleicht achtjährige Tochter auf einem Schimmel in vorbildlicher Anlehnung, Bildunterschrift: "Deutscher Reitponyhengst 'Sady' (Susanne Ismer)"
Der bescheidene Autor vergisst zu erwähnen, dass er es war, der die Rasse "Deutsches Reitpony" erfunden hat. Die nächsten Seiten zeigen mehr von diesen Züchtungen mit Sohn Holger im Sattel oder auf der Weide, dazu den ersten Arabischen Vollbluthengst des Gestüts, Sieger der Hengstleistungsprüfung 1962, vor dem großrädrigen Einachser.
"Die Hannoverschen Pferde erübrigen sich, denn für leichte Gespannarbeiten genügen Kleinpferde." Zu diesem Satz habe ich den Autor befragt, denn ich verstand ihn nicht. Die Hannoverschen Pferde wurden abgeschafft, weil inzwischen Traktoren auf dem Hof waren. Mit den leichten Arbeiten ist zum Beispiel Kartoffeln anhäufeln gemeint.
So kamen Ponystuten auf den Hof, die der Tierfreund mit Araberhengsten veredelte. "Die Fohlen der Elitestute 'Blessi' und von dem Original Araberhengst 'Ghazal' waren von vollendeter Schönheit." Das haben offenbar auch andere gesehen. "Im Jahre 1956 wurde mit einer umfangreichen Pferdezucht begonnen."
Diesen Satz verstehe ich jetzt dahingehend, dass die Zucht dieser Pferde wirtschaftlich lukrativ war und deshalb nicht nur gerechtfertigt werden konnte, sondern wünschenswert war. Wieder ein Hinweis auf die Verbindung zwischen Liebe zur Natur und Sinn für Ökonomie.
Die nächste Seite zeigt eine weite Wiese mit einem Stückchen Aue und einer großen Pferdeherde. Übergangslos kommt der Tierpark zur Sprache, viele verschiedene Arten werden vorgestellt, das besondere Engagement herausgearbeitet.
Überall wird die Liebe der Eigentümer und ihrer Mitarbeiter zu den Tieren deutlich. Almuth Ismer gibt einem sibirischen Tiger die Flasche, Britta Grimberg beobachtet ein Eselfohlen, das sie aufgezogen hat, Jürgen Grimberg wird vorgestellt und gewürdigt, Erpo Ismer läßt seinen Sohn Arne auf jungen Elefanten reiten, Lars hat junge Servale in seiner Kinderschubkarre.
Der Tierpark nennt sich genauer Naturtierpark und vergleicht sich durchaus mit den großen Zoos dieser Welt, die allesamt nicht über die Flächen verfügen, die hier den Tieren zur Verfügung gestellt werden können. Der Beweis für die artgerechte Haltung von einheimischen und exotischen Tieren ist der reichliche Nachwuchs, der sich jedes Jahr im Tierpark Ströhen einstellt.
Die Vorstellung des Tierparks nimmt fast die Hälfte des Buches ein. Demgegenüber kommt das Arabergestüt fast ein bisschen kurz. Beides existiert im Buch und in der Realität nebeneinander, die Besucher des Tierparks können auch das Gestüt besichtigen und den Gestütsalltag miterleben.
Nun ist das eine andere Welt. Hier wird von internationalen Verbindungen geredet, Namen und Abbildungen von Hengsten machen gewaltigen Eindruck, die Enkel des Autors führen die wertvollen Tiere auf Schauen vor, aber dennoch soll dem Normalbürger die Freude an den Tieren ans Herz gelegt werden: "Wenn die Stuten nach der ersten Morgengaloppade friedlich grasend, aber wachsam ihre Fohlen beobachtend über die Wiese ziehen, dann fühlt man mehr als dass man denkt: Mein Gott, wie ist das schön!"
In einen Nebensatz verpackt der Autor einen Superlativ: "Zucht, Haltung, Rennen und Beritt zählen zu den Schwerpunkten unseres Gestüts, übrigens das größte Europas in privater Hand." Zwei Seiten weiter: "Die Erfolge an nationalen und internationalen Zuchtschauen sowie die Tätigkeit von Holger Ismer als international anerkannter Richter tragen dazu bei, den Namen des Gestüts in aller Welt bekannt zu machen."
Holger und Almuth Ismer betonen, dass das Unternehmen ein Familienbetrieb ist, an dem auch die Kinder Mark, Ann und Nils Anteil haben. So setzt sich die Arbeit des Autors durch die Generationen hinweg fort. Das Gebälk des Stutenstalls trägt die Inschrift: "Diese Wesen sollen geliebt und geachtet werden", ein Zitat aus dem Koran.
Fotos und Beschreibung der Tierschule und des Weihnachtszirkus mit Dompteur Tim Delsbosq und Melanie Grimberg sowie des Restaurants und Kinderspielplatzes runden das Büchlein ab. Das letzte Bild zeigt den wilden Storch auf seinem Nest auf dem Strompfahl. Das Foto lässt es nicht erkennen, aber ich habe es gesehen: der Strompfahl mit dem Nest steht mitten zwischen den Pferdeställen.
Der Autor weiß, dass ein solch gewaltiges Werk auf vielen Schultern ruht. Er vergisst nicht, alle verdienten Mitarbeiter aufzuzählen, wenn sie schon nicht im Foto vorgestellt werden. So beschäftigt das Unternehmen einen Maurer, einen Zimmermann, einen Maler, deren Anteil gebührend gewürdigt wird.
Rolf Ismer hat schon längst die Zügel aus der Hand gegeben und blickt zufrieden und stolz zurück. Mit über neunzig Jahren erfreut er sich der Früchte seiner Arbeit und sieht, dass seine Anfänge von seinen Kindern zur Blüte gebracht worden sind.
Das Buch macht seinem Klappentext alle Ehre. Es ist aber durchaus auch dazu geeignet, die Vorfreude auf einen Besuch zu steigern. Man sieht den Tierpark und das Gestüt mit anderen Augen, wenn man sich bereits vorher mit diesem Buch beschäftigt hat.
erschienen 11.05.02
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