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Wagen von Hochdorf

Hallstadt-Kultur, Baden-Württemberg
Wagen von Hochdorf
ca. 530 v. Chr., Länge des Wagens ca. 450 cm, Keltenmuseum Hochdorf

1978/79 wurde ein vollständig erhaltenes Keltengrab zwischen Stuttgart und Karlsruhe ausgegraben.

Zehn Jahre lang hatte Renate Leibfried, ehrenamtlich Beauftragte des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, immer wieder ausgepflügte Steinbrocken im Erdboden beobachtet.


Die Kelten
sind immer noch ein rätselhaftes Volk, das die Phantasien entzündet. Die Rückbesinnung auf diese Wurzeln unserer Kultur ist in vollem Gange.


Kommentar
Von  Werner Stürenburg

Rekonstruktion des Grabhügel
  Das Grab des Keltenfürsten
In den vergangenen beiden Beiträgen (  Sonnenwagen,   Kultwagen) haben wir keltische Wagen betrachtet, die als Verkleinerungen deutlich symbolischen Charakter haben. Das Keltengrab von Hochdorf hingegen enthielt einen Wagen in Originalgröße.

Er war an der einen Seite der Kammer positioniert. An der anderen Seite befand sich eine ganz modern anmutenden Liege aus Bronze, auf der die Leiche des Toten gebettet war. An der Wand zu Häupten des Mannes befanden sich acht paarweise aufgehängte Trinkhörner. Zu seinen Füßen stand ein riesiger Bronzekessel.

Die Grabkammer war vollständig zusammengesunken, alle vorhandenen Gegenstände entsprechend zerquetscht. Organische Materialien werden normalerweise vollkommen zersetzt. In diesem Falle hat sich erstaunlich viel erhalten, was diesen Fund zusätzlich wertvoll macht.

Da der Wagen fast vollständig mit Eisenblech verkleidet war und dieses sich nicht vollständig zersetzt hatte, konnte man den Wagen gut rekonstruieren. Am Eisenblech hafteten winzige Reste von Fasern, anhand deren man mehrere Hölzer nachweisen konnte (Ulme, Esche und Ahorn).


Der Wagen

Rekonstruktion des Wagens
  Wagons in Hallstatt Period: Its Technology and Use
Rekonstruktion des Wagens
  Das Grab des Keltenfürsten: Der Wagen
Wagen aus Vix, Frankreich
  Wagons in Hallstatt Period: Its Technology and Use
Die Deichsel ist lediglich vertikal beweglich, wie ich das von den Ackerwagen der Bauern aus meiner Kindheit noch kenne. Überhaupt sind die Unterschiede vom moderen zum keltischen Wagen erstaunlich gering.

Die Vorderachse war beweglich. Aufgrund der Konstruktion war der Wendekreis sehr groß. Die Räder haben zehn Speichen. Die Felge ist aus einem einzigen Stück Holz gebogen.

Die Naben sehen geradezu modern aus. Auch die Deichsel wurde bis in die Neuzeit bei den Gebrauchswagen als einfacher Baum ausgeführt.

Der Wagen aus Frankreich wurde 1953 entdeckt und ist so konstruiert, daß die Räder unter die Ladefläche laufen können und der Wendekreis dementsprechend klein ist. Auch hier waren die Holzteile mit Eisen beschlagen.

Das Merkwürdige in diesem Fall ist, daß die Räder abmontiert waren und an der Wand lehnten. Diese Räder haben ebenfalls zehn Speichen. Die Deichsel war gleichfalls abgenommen und neben den Wagen gelegt.

Auf die Anzahl der Speichen habe ich natürlich als Kind nicht geachtet. Wenn ich demnächst mal wieder so ein altes Rad sehe (heute gern als Dekoration genommen), werde ich nachzählen.

Auf der Ladefläche befand sich eine Frau von etwa 35 Jahren. Die Gelehrten streiten sich, ob es wohl eine Prinzessin war oder eine Priesterin.

Auch in diesem Falle wurde reichlich in Goldschmuck und ein riesiger Bronzekessel gefunden, über 160 Zentimeter hoch, mit einem Fassungsvermögen von über tausend Litern. Vermutlich wurde dieser in Griechenland hergestellt. Sollte man darin Wein und Wasser gemischt haben?

Sechshundert Jahre später hat Strabo davon berichtet, daß Gefangene über solchen Kesseln die Kehle aufgeschnitten wurde. Eine solche zeitliche Differenz verpflichtet natürlich zur vorsichtigen Interpretation. Sollte der Kessel rituell benutzt worden sein, dürfte es sich um eine Priesterin gehandelt haben.

Da die Räder abgenommen waren, kann es nicht um die Vorstellung gegangen sein, daß der Wagen nach dem Tode zum Gebrauch zur Verfügung stehen sollte. Überdies sind im Falle der Frau aus Frankreich keinerlei Hinweise auf Geschirr und Anspannung gefunden worden. Das ist in Hochdorf anders.


Die Ladung

Rekonstruktion des Wagens
Links das Joch für zwei Pferde
  Der Wagen und die Schirrung
Reste des Jochs mit Pferdeschmuck
Statuetten aus Bronze vom Joch
Verzierte Jochgurte aus Leder
  Das Holzjoch und die Jochgurte
  Goldener Halsring
25,3 cm Durchmesser, 144 g
Rekonstruktion des Toten
Die Grabkammer ist so groß, daß die Deichsel nicht abgenommen werden mußte (in einigen Fällen ist die Deichsel sogar zerhackt worden, damit sie in die Kammer paßt). Die heruntergebrochenen Steine der Kammerdecke hatten alles bis auf wenige Zentimeter zusammengedrückt.

Das Joch und die Jochgurte lagen auf dem Wagen, neben, unter und auf dem Joch. Die Jochbögen, die auf dem Widerrist der Pferde auflagen, waren vollständig zerquetscht.

Das Joch ist mit Schnitzereien und zwei kleinen Figuren verziert. Die Jochgurte sind mit Bronzeknöpfen geschmückt.

Die großen Schalen sind mit Sicherheit ebenfalls sehr wertvoll gewesen. Man vermutet, daß diese Ware aus Italien kam. Die gesamte Kultur ist nach Hallstadt benannt, wo Salz bergmännisch abgebaut wurde. In dieser Zeit wurde offenbar die Lenkung der Wagen erfunden. Man vermutet, daß das Salz mit Pferd und Wagen transportiert wurde.

Auf jeden Fall wurde Handel über große Strecken betrieben, nach Italien und Griechenland, von wo entsprechende Importwaren in die nördlichen Länder kamen. Zur Zeit zeigt das   Hochdorf-Museum gerade eine   Sonderausstellung. Das Grab eines Mannes aus Luxemburg beherbergte zwar keinen Wagen, dafür aber unter anderem zwei vollständig erhaltene große Amphoren für Wein.

Zusätzlich fand man Scherben von weiteren Amphoren. Daraus konnte geschlossen werden, das zur Beerdigung zwischen 750 und 1500 Liter Wein aus Italien verbraucht worden sind. Das scheint mir doch eine ganze Menge gewesen zu sein. Entsprechend groß sind die Amphoren.

Es gibt keinerlei schriftliche Quellen dieser Leute, weshalb man noch nicht einmal sicher ist, daß es sich um Kelten handelt. Man weiß aber, daß die Kelten sich für ein paar hundert Jahre vom Kaukasus bis Spanien ausgebreitet hatten und dann von den Römern besiegt worden sind. Der größte Teil ist anschließend assimiliiert worden, Reste haben sich in der Bretagne, in Wales und in Irland erhalten, samt der Sprache, dem Gälischen.

Die Räder waren mit Eisenreifen versehen. Man hat daraus geschlossen, daß das Handwerk bereits hoch entwickelt und vermutlich spezialisiert war, wie noch in meiner Jugend, wo die Räder vom Stellmacher oder Wagner gemacht wurden, während die Eisenreifen in der Schmiede aufgezogen wurden.

Die Wagen aus den Gräbern wurden vermutlich nicht für Transporte benutzt, sondern lediglich für Prozessionen oder zur Repräsentation. Pferde wurden übrigens nicht geopfert und beigesetzt, in keinem einzigen Fall sind Skelette gefunden worden.

Am Rande des Grabhügels in Luxemburg fanden sich allerdings an verschiedenen Stellen Tierknochen aus Brandopfern von Schweinen, Rindern und Pferden. In diesem Grab fanden sich neben dem Menschen auch vier vollständige Schweine.

Insgesamt wissen wir also noch viel zu wenig. Ständig wird Neues gefunden, immer neue Einzelheiten vervollständigen das Bild und verkomplizieren zugleich die Situation.

Auf jeden Fall wird man schließen können, daß die Bestattung eine große Rolle gespielt hat. Damit verbunden wird die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode, in welcher Form auch immer.

Die sonstigen Grabbeigaben deuten darauf hin, daß die Toten mit den kostbarsten Gegenständen versehen wurden. So hatte der Tote von Hochdorf z. B. einen goldenen Halsring, sein   Schwert war mit einer Goldauflage versehen, die   Schuhe und der   Gürtel ebenfalls.

Es wird sich also wohl bei diesen besonderen Bestattungen um sehr hochgestellte und vermögende Personen gehandelt haben. Der Tote von Hochdorf war mit 183 Zentimetern sehr groß. Er hatte einen Hut aus Birkenrinde, den ich nach Asien einordnen würde. Nie hätte ich gedacht, daß solche Hüte auch einmal hierzulande Mode waren.





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