
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dies ist ein sehr interessantes Buch. Der Einführung ist ein Zitat von Albert Einstein vorangestellt, das ich noch nicht kannte. Ich hätte es Albert Einstein gar nicht zugetraut.
Dieses Zitat zeigt, wo die Physiker des letzten Jahrhunderts gelandet sind (Einstein ist schon 1955 gestorben). Weil sich das noch nicht rumgesprochen hat, möchte ich es in voller Länge zitieren:
| Jeder Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen. Jeder erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle allerdings als etwas vom Rest abgetrenntes. Das ist eine Art optische Täuschung des Bewusstseins. Diese Sinnestäuschung ist für uns eine Art Gefängnis, das uns auf unsere persönlichen Bedürfnisse und auf die Gefühle für die wenigen uns nahe stehende Menschen beschränkt. Unsere Aufgabe ist es, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, den Radius unseres Mitgefühls auszudehnen auf alle Lebewesen und die gesamte Natur in ihrer Schönheit. | | |
Das Motto ist besonders schön für Pädagogen, die sich mit schwierigen Fällen abzuplagen haben. Es macht deutlich, dass ein behindertes Kind genauso Teil der Schöpfung ist wie der Pädagoge oder das Pferd. Aus dieser Haltung heraus gelingt es der Autorin in ihrer täglichen Arbeit mit Hilfe der Pferdeträume, jedes Kind zu würdigen und zu fördern, vor allem aber: einen Zugang zu finden.
Dies wird auch für Laien nachvollziehbar bei Kindern, die mit der Diagnose "hyperaktives Verhalten" belegt werden. Weil Pferde keine Maschinen sind, muss der Erwachsene normalerweise bremsen und erreicht dadurch das Kind nicht.
Armgard Schörle macht die Situation nachvollziehbar, indem sie ihre eigenen Fehler und Probleme mit einbringt: "Sei doch vorsichtig... macht doch bitte langsam... sei nicht immer so laut... jetzt warte doch mal erst." Das Kind wird immer nur frustriert, es bekommt bescheinigt, dass es nicht in Ordnung ist, dass es nichts kann, dass die Erwachsenen unzufrieden sind.
Die Autorin nimmt sich die Zeit, die Lösung für jedes Problem systematisch zu entwickeln. Wenn man auf diesem Gebiet tätig ist, kann man deshalb das Buch direkt in die Praxis umsetzen. Andernfalls kann man zumindest nachvollziehen, wieso diese Arbeit spannend und befriedigend sein kann.
Das Buch hat einen vertretbaren Umfang, aber trotzdem hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sich alle Zeit der Welt nimmt, um jedes Thema von allen Seiten und in jeder Richtung gründlich zu beleuchten, zugleich jede Menge Hinweise zu geben auf weiterführende Literatur und Ausbildungsmöglichkeiten.
Die Fallgeschichten machen deutlich, dass wirklich nur therapiebedürftige Kinder in den Genuss einer solchen Behandlung kommen. Das ist schade, denn viele Einsichten dieses Buches würden auch gesunden Kindern sehr helfen.
Pferde sind der Traum vieler Kinder. Mir fallen in diesem Zusammenhang mehrere Bücher von Astrid Lindgren ein, die das sehr deutlich zeigen, etwa Pipi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder die Brüder Löwenherz. Natürlich kenne ich das auch von meinen eigenen Kindern, die jahrelang Pferd gespielt haben, gerade weil sie kein eigenes Pferd hatten.
Tiere sind für Kinder wichtig, und sie sind desto wichtiger, je besser man mit ihnen kommunizieren kann. Fische, Vögel oder Nagetiere sind bei weiteren nicht so befriedigend wie etwa eine Katze oder ein Hund. Ein Pferd ist dagegen ein Traum und stellt viel höhere Ansprüche, auch an das Kind.
Weil Kinder, vor allem in jüngerem Alter, sich verbal nicht so gut ausdrücken können und deshalb den Ermahnungen der Erwachsenen nicht leicht zugänglich sind, bedarf es anderer Mittel, hier die Entwicklung des Kindes zu fördern, natürlich auch im Interesse des Pferdes.
Die Autorin macht nicht nur die Problematik deutlich, sondern entwickelt auch sehr viele Ideen, die Lust auf Umsetzung machen. Wer möchte schon gerne Hufschlagfiguren machen, wenn er durch den verzauberten Märchenwald reiten kann?
Der Text wird begleitet von Tabellen, Plänen, Diagrammen, die zeigen, dass ein Pädagoge Ziele definieren muss, deren Erreichung kontrolliert werden sollte. Und auch den Weg dorthin kann und sollte ein Pädagoge dokumentieren.
Mir wurde dabei deutlich, dass diese Vorgehensweise auch im Alltag mit normalen Kindern große Vorteile hat. Warum sollte man nicht vorher mit den Kindern besprechen, welche Träume sie hier und heute haben, anschließend Pläne entwickeln, wie diese an diesem Tag realisiert werden können, dann zur Aktion schreiten, die mit diesem Hintergrund sicherlich wesentlich bewusster und intensiver erlebt werden kann, und hinterher dieses Erleben besprechen, um damit den Tag zum Abschluss zu bringen und dem Geschehen eine weitere Note hinzuzufügen?
Hätte ich dieses Buch lesen können, als meine Kinder erstmals ihre Begeisterung für Pferde gezeigt haben, wäre auch für mich das Abenteuer Pferd im Zusammenhang mit meinen Kindern intensiver, bunter und aufregender gewesen.
Deshalb empfehle ich dieses Buch nicht nur den Reittherapeuten, sondern lege es allen Eltern ans Herz, die besser verstehen wollen, was es ist, das ihre Kinder an Pferden fasziniert, und die ihr Kind fördern und begleiten wollen.
Allerdings muss man sich in diesem Fall disziplinieren, wenn man die Beispiele liest, die sich eben auf nicht normale Kinder beziehen. Die Schwierigkeiten der behandelten Kinder sind erheblich, was in der Natur der Sache liegt. Die Autorin ist schließlich Reittherapeutin. Man kann aber aus diesen Beispielen leicht auf die eigene Situation schließen.
Dabei möchte ich nicht den übereifrigen Eltern das Wort reden, die das Leben zur Schule machen wollen. Normalerweise entwickeln sich normale Kinder am besten ohne ständige Eingriffe der Eltern.
Wenn diese aber wissen, was in ihren Kindern vorgeht, und gegebenenfalls Impulse geben können, die die Kinder aufnehmen können oder auch nicht, dann scheint mir das sehr sinnvoll zu sein. Die Lektüre dieses Buches wird das Verständnis von Kind und Pferd mit Sicherheit verbessern.
Die Autorin bietet übrigens auch Seminare an. Einzelheiten finden sich im Internet unter pferdetraeume.de.
erschienen 09.02.02
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