Komödianten
Carl Spitzweg, Deutschland Reisende Komödianten um 1838, Öl auf Leinwand, 37,0 x 46,5 cm, Privatbesitz
In einer Diagonalbewegung entwickelt sich eine Figurengruppe von links unten nach rechts oben, deren Spitze ein Pferdewagen samt Zugpferd bildet, abgeschlossen von einer deklamierenden Person, die in reichlich theatralischer Geste dem Pferd etwas vor die Nase hält. Die gesamte Komposition zielt auf diesen Gegenstand, der vermutlich ein Lorbeerkranz ist.
Carl Spitzweg, 1808 - 1885 Zweiter von drei Söhnen eines sehr erfolgreichen Kaufmanns, sollte er nach den Plänen des Vaters Apotheker werden. Die schulische Laufbahn endete mit einem Abbruch und der geplanten Apothekerlehre, der sich ein Studium der Pharmazie anschloß. Zwischenzeitlich verstarb der Vater und Carl entschloß sich, Künstler zu werden. Eine akademische Ausbildung hat er nie erhalten. Er ist bekannt als Maler von Sonderlingen, umgab sich mit Sonderlingen und war auch selber einer. Im Alter war er sehr anerkannt und berühmt.
Kommentar Von Werner Stürenburg
Zunächst ein Nachtrag zur letzten Geschichte über die Manessesche Liederhandschrift: eine aufmerksame Leserin hat mich darauf hingewiesen, daß die realen Verhältnisse im Mittelalter sehr grausam waren und die Minnesänger eine Phantasie ausdrückten, nicht die Realität.
Merkwürdig: ich besitze sogar ein Buch über Carl Spitzweg, aber darin kommen keine Pferde vor. Nun wurde zwar zu Lebzeiten Spitzwegs die Eisenbahn erfunden und in seinem Todesjahr die Motorkutsche, die meisten Menschen gingen damals zu Fuß, aber dennoch spielten natürlich die Pferde eine große Rolle.
So wollte ich nun wissen, ob Spitzweg außer den bekannten Sonderlingen wie dem Bücherwurm, den Kakteenfreund, dem armen Poeten auch Pferde gemalt hat. Unter der Adresse www.Spitzweg.de findet sich die Arbeit eines Spitzweg-Liebhabers, der aus verschiedenen Büchern eine etwas längerer Biographie zusammengestellt und vor allen Dingen über 150 Abbildungen zusammengetragen hat.
Das ist etwas mehr als ein Zehntel des bekannten Werkes. Das erwähnte Buch in meiner Bibliothek gibt einen Einblick in bis dahin unbekannte Vorzeichnungen zu Gemälden von Soldaten, die verschlafen auf brüchigen Bastionen Strümpfe stricken oder herzhaft gähnen.
Und in der Tat, wenn man genau hinschaut, finden sich auch Pferde, im Regelfall Zugpferde. Schauen wir doch einmal genauer hin, denn Spitzweg ist ein nicht unbedeutende Maler der deutschen Geschichte, der nach wie vor beliebt ist. Jedenfalls hat es einen Maler wie Spitzweg sonst zu keiner Zeit und keinem Ort gegeben.
Humor
 |  |  |  | Don Quichotte, Sancho Pansa, Ausschnitt um 1880, Öl/Leinwand, 32,3 x 54,2 cm München, Neue Pinakothek |  |  |  |
|  |  |  |  | Der Sterndeuter, Ausschnitt 1864, Öl auf Leinwand, 48,0 x 27,5 cm Hamburg, Kunsthalle |  |  |  |
|  |  |  |  | Der ewige Hochzeiter, Ausschnitt um 1855/58, Öl auf Leinwand 48,2 x 27,5 cm, Privatbesitz |  |  |  |
| Den Deutschen wird leicht nachgesagt, sie hätten keinen Humor. Spitzweg ist der Beweis dafür, daß es sich dabei um ein Vorurteil handelt.
Die meisten Bilder enthalten Elemente, die den Betrachter schmunzeln lassen. Sie sind also durchaus liebevoll, obwohl sie ein sehr scharfes Licht auf skurrile und absonderliche Eigenarten der Zeitgenossen werfen.
Etwa zeitgleich (1808-1879) hat in Frankreich Honoré Daumier gelebt, der sein Geld überwiegend als Karikaturist verdient hat. Daumier ist keinesfalls komischer als Spitzweg.
Bekannt sind etwa Daumiers Zeichnungen zu Don Quixote, und so bin ich denn überrascht, daß auch Spitzweg zunächst als Zeichner und Karikaturist gearbeitet und ein Gemälde zu Don Quixote gemacht hat, allerdings ohne Pferd und Esel.
Anscheinend hat er sich für Tiere nur am Rande interessiert und diese weggelassen, wenn es nur ging. Meistens kann man es ja so drehen, daß es geht.
Wenn man die Bilder Spitzwegs Revue passieren läßt, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, daß die Menschheit nur aus lächerlichen Figuren besteht. Das ist so sicherlich nicht richtig. Spitzweg zeigt, soweit ich sehen kann, ausschließlich diese Figuren aus der Fülle der Menschheit, was verwundert. Wieso engt er seinen Blickwinkel derart ein?
Man kann ihm aber diese Vorliebe für den Spott nicht übelnehmen, denn sein Blick ist äußerst liebevoll. Er verletzt nie, vielmehr erregt er Mitleid. Der tolpatschige Liebhaber, dessen Antrag vermutlich nicht angenommen werden kann, wird trotzdem in seinem Ernst und in seiner Sehnsucht gewürdigt. Die Angebetete, die vermutlich diesen Antrag zurückweisen wird, ist gerührt und könnte ihn vielleicht sogar annehmen.
Diese lebensuntüchtigen Trottel sind liebenswert, auch sie sind der Liebe würdig, und Spitzweg läßt es offen, ob sie nicht doch in Ehre ihr Leben im Schoß in der Gesellschaft fristen können. Im Grunde suggeriert er, daß wir alle lebensuntüchtige Trottel sind, die ein Anrecht auf ein vollständiges Leben haben.
Die Mehrzahl seiner Männer, und es sind, soweit ich sehe, ausschließlich Männer, die er aufs Korn nimmt, sind Hagestolze, also alte Junggesellen, die nie die Nähe einer Frau genossen haben. Trotzdem sehnen sie sich nach der Weiblichkeit, was z.B. in einem Motiv deutlich wird, das er mehrfach variiert: ein junges Mädchen geht vorbei und ein Mann kann nicht anders als diesem Mädchen nachsehen.
Es gibt aber auch durchaus sonderbare Männer, die in dieser Beziehung erfolgreich sind oder waren. So zeigt er einmal einen Witwer, der sehnsüchtig nach einer neuen Frau Ausschau hält, oder einen kleinen Dicken, dem sich eine dürre Lange eingehakt hat. Spitzweg selbst war offenbar nicht in dieser glücklichen Lage.
Karriere
 |  |  |  | Selbstporträt mit etwa 32 Jahren Ausschnitt, Privatbesitz Öl auf Papier, 45,0 x 42,0 cm |  |  |  | Er hat sich nicht nur für die Eigenbrötler interessiert, er war selber einer und hat sich mit eben solchen umgeben.
Das Bild vom armen Poeten z.B. soll ein Vorbild gehabt haben, ein Mitglied aus seinem Münchner Freundeskreis. Die Maler aus diesem Kreise hatten sich spezialisiert auf Pferde, Kühe oder trinkende Mönche. Bilder aus letzterem Themenkreis sind heute noch beliebt und in jedem Kaufhaus zu finden.
Sein Selbstporträt erinnert mich ein wenig an Franz Schubert, der 10 Jahre älter war, was natürlich an der Mode liegt, der Frisur, der Brille, dem Kragen, dem Rock. Es ist eben die Zeit und die Stimmung des Biedermeier.
Nachdem Napoleon endgültig gescheitert und vertrieben war, wurden die alten Verhältnisse wiederhergestellt und es herrschte erst einmal für viele Jahrzehnte Frieden. Die Bürger hatten genug von großen Träumen und beschränkten sich auf den häuslichen Bereich.
Spitzweg hat diese vermeintliche Idylle nicht nur sehr verdichtet, sondern zugleich auch karikiert, aber eben mit dem Blick des verstehenden, liebenden Menschenfreundes, der seinerseits aber ausgeschlossen ist und sich die Sache aus der Ferne anschaut.
Sein Vater war tüchtig und wollte diese bürgerliche Großtugend an seine Söhne weitergeben. Leider war Carl nicht aus demselben Holz geschnitzt. Er interessierte sich mehr für das Theater und für die Poesie, er hat auch selbst gedichtet und viel gelesen.
Sein väterliches Erbe ermöglichte ihm, zu reisen und zu produzieren. Zwar träumte er davon, in großem Stile zu verkaufen, scheint damit aber kaum Erfolg gehabt zu haben. Immerhin hat er Handelsvertreter angestellt, die sämtliche deutschen Kunstvereine, und das waren nicht wenige, mit seinen Werken beliefert haben. Irgendwann hat dann auch einmal jemand gekauft.
Da er durchhalten konnte, war es ihm nicht nur möglich, ein umfangreiches Oeuvre aufzubauen, sondern auch schließlich Erfolg zu haben, was vielen seiner Freunde nicht vergönnt war. Sowohl der Bilderverkauf als auch die öffentlichen Ehrungen ließen gegen Ende seines Lebens nichts zu wünschen übrig. Mit 60 Jahren wurde er zum Ehrenmitglied der Münchener Akademie der Bildenden Künste ernannt.
Johannes Brahms hatte immerhin seine platonische Liebesgeschichte mit Clara Wieck, der Frau von Robert Schumann, Carl Spitzweg dagegen scheint niemals geliebt zu haben. Sein Werk aber macht deutlich, daß er die Sehnsucht sehr wohl kannte.
Im Alter von 11 Jahren hat Carl seine Mutter verloren, was sein Wesen sehr verändert haben soll. Sein Vater hat noch im gleichen Jahr deren Schwester geheiratet und kam damit in den vollständigen Besitz des Vermögens der angeheirateten Familie. An und für sich war eine solche Handlungsweise damals nicht ungewöhnlich.
Möglicherweise hat sowohl der Tod als auch die Wiederverheiratung des Vaters den kleinen Carl so traumatisiert, daß er selbst im Leben handlungsunfähig wurde.
Der übermächtige Erfolg des Vaters und die väterliche Strenge sowie dessen Unverständnis für die künstlerischen Neigungen des Sohnes werden es nicht leichter gemacht haben. Welch ein Unterschied zur Förderung und Verherrlichung etwa des kleinen Pablo Picasso durch beide Eltern!
Trick
 |  |  |  | Reisende Komödianten, Ausschnitt um 1838, Öl auf Leinwand, 37,0 x 46,5 cm Privatbesitz |  |  |  | Das Bild zeigt eine Reihe von Personen, die sich zu Fuß einen Berg hinauf bewegen, sowie einen Wagen, der mit weiteren Personen und reichlich Gepäck auf dem Verdeck beladen ist. Dieser Wagen wird von einem einzigen Pferd gezogen.
Nun möchte der Maler den Moment suggerieren, da das Pferd angesichts der Strapazen den Dienst versagt und einfach stehen bleibt. Ein Mann stellt sich vor das Pferd, reicht ihm etwas zu fressen und möchte es dadurch bewegen, einen Schritt vorwärts zu tun.
Dieser Trick hat, wenn ich mich recht erinnere, einen Namen, und zwar wird er im Zusammenhang mit einem Esel zitiert, der dadurch überlistet wird, daß der Reiter ihm eine Möhre vorhält. Schließlich bricht der Esel zusammen.
Aber so grausam ist die Wirklichkeit bei Spitzweg nie. Wenn man genau hinschaut, sind alle Leute gut gelaunt, von Erschöpfung und Verzweiflung keine Spur, und da hilft der Titel weiter: die Komödianten üben offenbar ein neues Stück, der erste hält keineswegs eine Möhre in der Hand, sondern einen Lorbeerkranz.
Er benutzt das Pferd als Deklamationsobjekt, so als wollte er dieses im nächsten Moment bekränzen, während das Pferd natürlich diese Geste ganz anders verstehen muß. Wenn ich mich recht erinnere, ist Lorbeer für Pferde giftig (genau: genannt u.a. Scheisslorbeere).
 |  |  |  | Reisende Komödianten, Ausschnitt um 1838, Öl auf Leinwand, 37,0 x 46,5 cm Privatbesitz |  |  |  | Ein Mann schiebt mit allen Kräften, dieser vielleicht ein Bedienter, ein weiterer, vermutlich ebenfalls Schauspieler, schiebt nur mit einer Hand, ganz lässig, die Insassen des Wagens denken gar nicht daran, auszusteigen, um den Wagen zu erleichtern, und sogar das kleine Kind läuft selbst - so dramatisch ist die ganze Szene also gar nicht.
Im Gegenteil, dieses Völkchen hat sogar seinen Spaß auf der Reise, nutzt die Zeit, um ein neues Stück einzustudieren, herumzualbern, sich in fremde Rollen hineinzuversetzen, die langweilige Reise mit Kurzweil zu durchsetzen. Man hat es sicher nicht weit bis zur nächsten Kleinstadt, wo es sich wieder für ein Weilchen gut leben läßt.
Die Sonne scheint, es ist warm, warum soll man sich also Sorgen machen? Die Landschaft behandelt Spitzweg ganz summarisch, nur rechts vorne arbeitet er eine große und mehrere kleine Disteln heraus. Auch die Stadt in der Ferne ist ganz undeutlich, und dann bemerkt man, daß das auch für die Personen gilt.
So sind z.B. die Gesichter der Frauen, die dem Betrachter zugewandt sind, überhaupt nicht ausgeführt. Das ist erstaunlich, da doch die Liebhaber dieser Art Malerei üblicherweise auf Detailgenauigkeit bestehen.
Genau diese Art summarischer Malerei kennen wir von Daumier und auch von Wilhelm Busch (1832-1908), der ebenfalls als professioneller Karikaturist gearbeitet hat und heute als Vorläufer des Comic Strip gilt.
Bei beiden spielt die Malerei eine untergeordnete Rolle, während bei Spitzweg heute ausschließlich die Gemälde und die Zeichnungen im Umfeld der Gemälde gezeigt werden, während seine Brotarbeiten in den "Fliegenden Blätter" mir bisher nicht über den Weg gelaufen sind.
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