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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Unkaputtbar
von   Werner Popken

Neulich fiel mir wieder ein Buch in die Hände, wie man Pferde ganzjährig draußen halten kann. Ich hatte es gekauft, als wir noch gar keine Erfahrungen hatten.

Bei der erneuten Lektüre stellte ich fest, daß ich damals schon wenig Gewinn davontragen konnte. Eine Einzelheit jedoch blieb hängen und fiel mir ein paar Tage später wieder ein - ein guter Tipp, schien mir.

Denn ich sah diesen Tipp im Zusammenhang mit einem Artikel in einem großen Pferdemagazin aus dem letzten Jahr. Da haben Experten perfekte Versuche angestellt und die perfekte Kombination aus Dübel, Wandhaken, Anbindestrick, Panikverschluß und Sicherheitshalfter gebaut. Dieses System kann noch nicht einmal von einem wild gewordenen Kaltblüter zerrissen werden.

Die Redaktion war ganz begeistert, ein großes Versandhaus konnte für die bundesweite Versorgung gewonnen werden. Ich ließ mich bei der Lektüre von der Begeisterung anstecken. So ein System müßte man doch eigentlich haben als verantwortlicher Pferdebesitzer, nicht wahr?

In diesem Buch aber wurde genau andersherum argumentiert: man darf ein Pferd auf gar keinen Fall so anbinden, daß es sich nicht losreißen kann, wenn es in Panik gerät, damit nicht Schlimmeres passiert. Deshalb solle man zwischen Halfter und Panikhaken einen leichten Bindfaden setzen, der im Fall des Falles mit Sicherheit reißt.

Soviel Sicherheit auf einmal? Was soll man denn nun davon halten? Der Groschen fiel aber erst dann, als ich die Geschichte eines Pferdes hörte, das sehr empfindlich war, gesund gepflegt und behandelt wurde, schließlich einer Reitbeteiligung anvertraut und von dieser verdorben wurde.

Und dann kam es: eine falsche Bewegung in kritischer Situation, das Pferd scheut, ist angebunden, steigt, wird vom Halfter und Anbindestrick zurückgeworfen und knallt auf die Stallgasse - eine äußerst gefährliche Situation für alle Beteiligten. Immerhin wurde "nur" das Pferd schwer verletzt.

Da fiel mir eine Situation ein, die ich nie vergessen werde. Ich war nicht mit in Urlaub gefahren, die Fohlen waren ebenfalls zurückgeblieben und ich hatte sie auf einen gemütlichen Ausritt mitgenommen, je ein Fohlen links und rechts, der Bequemlichkeit halber am Sattelknauf festgebunden.

Ich genoß den Sommer, den Ausritt, die Pferde, es war einfach wunderbar. Schließlich kamen wir zu einem langen Feldweg, grasbewachsen, und ich galoppierte gemütlich an. Dann ging alles blitzschnell.

Die Fohlen hatten genau darauf gewartet, daß es nun endlich losgehen sollte mit der herrlichen Jagd! Sie sprinteten los wie verrückt, und schon hatte sich das eine Fohlen in Halfter und Strick verfangen und drehte einen gewaltigen Salto.

Ein Westernsattel ist dazu gebaut, solche Sachen locker wegzustecken. Da gibt nichts nach. Halfter und Strick hielten auch sehr gut. Also mußte irgend etwas anderes nachgeben. Ich rechnete damit, daß das Fohlen sich den Hals brechen würde. Und im nächsten Augenblick würde wahrscheinlich das Fohlen zur Rechten ebenfalls das Zeitliche segnen, meine gute Stute mit zwei toten Fohlen im Schlepp.

Gott sei Dank war alles nicht so schlimm. Der Feldweg war weich, das Fohlen unverspannt, die Stute hielt ziemlich schnell an, das andere Fohlen parierte auch durch, das Fohlen zur Linken rappelte sich auf, schüttelte sich und schien unverletzt. Es hatte seine Lektion gelernt, wir konnten ab sofort gemütlich nebeneinander hergaloppieren.

Natürlich war in beiden Fällen der Mensch schuld. Wir hatten die Fohlen immer frei laufen lassen, sie konnten sich immer austoben, diese Situation war neu für sie. Ich hätte sie nicht anbinden dürfen. Aber was hilft das? Hinterher ist man immer klüger. Es hätte böse ausgehen können.

Aus der Technik kennt man den Begriff Sollbruchstelle. Ich kann noch gut die Verwunderung erinnern, als ich diesen Begriff das erste Mal hörte. Er wurde mir sehr schnell erklärt: man rechnet überall mit unerwarteten Situationen, denkt sich alle möglichen Katastrophenszenarios aus. Und dann überlegt man sich, was in dieser Situation gezielt zu Bruch gehen soll.

Denn in einer solchen Situation geht immer irgend etwas zu Bruch. Es muß etwas zu Bruch gehen, und dann möchte man doch gerne selber Einfluß nehmen, was da zu Bruch gehen soll. Beim Auto heißt so etwas Knautschzone. Bevor also der Mensch zerquetscht wird, läßt man lieber ein bißchen Blech zerquetschen.

Genau dieses Prinzip ist gesund und sicher. Ich möchte nicht, daß das Halfter und der Strick und der Wandhaken hält, sondern das Pferd soll halten.

Eine Sollbruchstelle in der Anbindevorrichtung ist also nach meiner Meinung eine sehr gute und sichere Sache. Da diese Sollbruchstelle nirgendwo eingebaut ist, muß man sie sich eben selber machen. Geht ganz leicht.

Wenn aber das Pferd in Panik ist und kann nicht los? Glaubt wirklich jemand im Ernst, so ein unkaputtbares Halfter würde dieses Pferd beruhigen können? Ein Pferd ist ein Fluchttier und muß weg, wenn es brenzlig wird. Unbedingt. Eher bringt es sich um.




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©1999-2001 · ISSN 1437-4528 · Statistik:  Übersicht
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